Sternmut Literatur

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Michael Matzer


Ein Krimi der Extraklasse,
7. Februar 2000


Alfred Büngen
zauberhaft1@gmx.net aus Ahlhorn/ Deutschland

„Wissen Sie", erklärt Sternmuts zentrale Person des erfolgslosen Schriftstellers dem Kriminalinspektor zu Beginn des Romans, „ich versuche gerade eine Geschichte zu schreiben, eine Art Kriminalstory, die aber die philosophischen Aspekte des Lebens behandeln soll." Der Leser richtet sich so auf ein interessantes, vielschichtiges Geschehen ein, Spannung mit philosophischem Hintergrund, die bürgerliche Lesefassade scheint wieder von Rissen verschont zu bleiben. Spätestens seit Dürrenmatt darf ja auch der intellektuelle Leser sich den Niederungen des Kriminalromans nähern. Wir richten uns auf ein vielschichtiges Geschehen ein, werden auch keinesfalls enttäuscht. Der Geliebte der Freundin des arbeitslosen Schriftstellers wird in einem Park ermordet. Für den erfolglosen Schriftsteller Motiv oder Anlaß, eine Landschaft der Gefühle eines komplizierten Beziehungsgeflechtes in einem Roman auszubreiten. Die immer wieder neuen Kapitel seines vielleicht den Durchbruch bringenden Erfolgsromans liest er dem Kriminalinspektor jeweils vor. Keine menschliche Niederung, kein Verlangen wird ausgelassen zur Erklärung, legt die Schlinge des Verdachts sich zudem immer enger um den Schriftsteller. Schließlich ein zweiter Mord, die Ehefrau des Ermordeten, die kurz zuvor noch ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Schriftsteller einging, wird zerstückelt genau an der Stelle des Parks aufgefunden, an der ihr Mann ermordet wurde. Anfängliche hinweise des Schriftstellers scheinen sich uns zu verdeutlichen: Der Roman wird zum „absurden Theater zwischen Versuch und Irrtum", wird „eine politische Geschichte über den Aufstieg eines Menschen, der zuletzt noch seine Menschlichkeit eingebüßt hat? Zeigt das nicht eine Epoche, die innere Befindlichkeit einer Kultur, die zentrale Aussteuerung aller moralischen Bedenken?" Der Schriftsteller, so die Lesevermutung, versucht die Fiktion in die Wirklichkeit umzusetzen, so die Abgründe des menschlichen Daseins zu erforschen. Die anfängliche Aufgabenteilung - „ Ich bin der Schriftsteller, sie der Inspektor. Ich bin für die Dichtung zuständig, sie für die Wahrheit" - bekommt nun mehr als gefährliche Risse. Fiktion und Realität beginnen sich zu verwischen. Anfängliche Einwürfe des Schriftstellers hinterlassen beim Leser bereits bedenkliche Fragen. „Ich gebe zu Inspektor. Sie verschwinden, wie diese Geschichte verschwindet. Nichts wird bleiben, weil alles erfunden ist. Ich bin erfunden. Sie sind erfunden." Aber wenn diese Story und ihre fesselnde Einbindung erfunden wurde, die Grenzen sich zwischen Realität und Fiktion so verwischen, ja dann ist unter Umständen auch der Leser nichts anderes als gekonnte Konstruktion, der Leser ein Konstrukt fiktionaler Werte und Gefühle, in deren Fängen er sich durch den Schriftsteller verstricken läßt. Werte und Gefühle, die nicht länger das Ergebnis moralphilosophischer Diskussionen sind. „Gut ist, was Einschaltquoten erreicht. Die Zeit der Ethik ist vorbei, der moralischen Philosophie." Die Fiktion des Romans löst sich im individuell - gesellschaftlichem Scheitern, in der fiktionalen Desillusionierung auf. Schon langt Sternmut bei den Positionen eines Peter Handkes an, den er selber als Handlungsintention in den Roman einbringt. Die systematische Zerstörung der Klischeevorstellungen der Wahrnehmung von Realität angesichts eines zunehmenden Lebens und Erlebens in der Fiktion inszenierter Fernsehwirklichkeiten gelingt Sternmut mit geradezu atemberaubender Dramaturgie und Sprachgewandtheit. Natürlich bindet die Fiktionalität einer ausschließlich profitorientierten Unterhaltungs- auch Buchindustrie ihre trug- und Scheinbilder an elementarste Gefühle des Lesers, des Zuschauers. Der Autor Sternmut läßt den Schriftsteller dies unter anderem an der Person der Marlies verdeutlichen, die - Lektorin, Mutter von zwei Kindern, Ehefrau des Ermordeten, erfolgshungrig und von einer leidenschaftlichen Sexualität besessen - in der fiktionalen Kriminalstory eine Beziehung zu dem Schriftsteller eingeht. „Aber ich kannte nie eine Marlies. Es ist eine Art Wahn. Wir sind nur die Figuren im Spiel der Kräfte, der Natur, der Gesetze, spielen eine Rolle, die uns vorgegeben ist, wir Handlanger der Liebe, weil wir uns stets vereinigen wollen, immer wieder und immer wieder neu." Und so, wie der Autor seine Figuren, etwa den Inspektor, aus einer fiktiven Welt verschwinden läßt, so werden wir auch als Leser ‚mißhandelt'. Unsere Gefühle werden als Spielelemente fiktionaler Handlung entlarvt, wir sind Teil jener von Sternmut inszenierten Illusion, jener Inszenierung einer Kriminalstory. Und die Zerstörung der Illusion, sei es durch Handkes Publikumsbeschimpfung oder Sternmuts kriminalistische Desillusionierung, führt zur Hoffnung des Autoren: „Wir wollen keine Marionetten, keine Figuren einer angelegten Geschichte sein, wollen heraustreten aus unserem Dunkel, wollen selbst bestimmen, wollen nicht unserem eigenen Verschwinden folgen."
Doch kann eine solche individualistische Hoffnung auf Realitätsgestaltung/ - bewältigung gelingen? Am Ende des Romans tötet die Fiktion des Schriftsteller. Vorher blieb ihm nichts anderes als die resignierende Feststellung: „Ich beschreibe noch die Vergewaltigung der Seele, wie sie in en Himmel blutet, aber möglichst in kurzen Sätzen." Sternmut, ein Autor, den sich, wer ihn noch nicht kennen sollte, unbedingt merken sollte. Denn die Gilde jener Autoren, die sich noch daran versuchen, über die Inszenierungen der „Vergewaltigungen der Seele" zu reflektieren, ist in der deutschen Literaturszene mehr als dünn geworden, zumal dann, wenn es noch in einer solchen sprachlichen und dramaturgischen Klasse geschieht.