Sternmut Literatur

Rezensionen von Sternmut

Kranz aus Dank - In Memoriam Traute Bühler-Kistenberger
Regina Schleheck / Adventsgeschichte von A bis Z
Volker Schopf / Agentur Friedwald – Das etwas andere Unternehmen
Armgard Dohmel / Was wir verdrängen – Alter und Tod als unausweichliches Schicksal
Regina Schleheck/ Klappe Zu Balg Tot
Daniela Wegert / Am Meer
Marlies Eifert und Georg Grimm-Eifert (Hrsg. ) / Von der Zärtlichkeit des Übermorgen
Monika Wegscheider / Bittersüße Fühlgedichte
Marjana Gaponenko / Freund
Marlies Eifert, Georg Grimm-Eifert / Ausgelotet fiktive Briefe

Ralf Harner-Hanel / Glockengeläut
Daniela Wegert / Neuntöter


Kranz aus Dank
In Memoriam Traute Bühler-Kistenberger

Von Karl-Heinz Schreiber erfuhr ich, dass Traute Bühler-Kistenberger verstorben ist. Er hatte aus meinem neuen Buch „Wildwechselzeit“ erfahren, dass ich ehemals Kontakt zu ihr hatte, und bat mich, einige Worte zum Tod von Traute Bühler-Kistenberger zu schreiben. Einen Tag später sitze ich und versuche, dem Wunsch zu entsprechen, nachdem mich die Nachricht von Traute Bühler-Kistenbergers Tod sehr bewegt hat. Ihr Tod konnte für mich keine Überraschung sein, eher musste es mich verwundern, dass sie so lange durchgehalten hat. Als wir uns kennen lernten, war sie so alt, wie ich heute bin. Geboren wurde sie 1926, war Malerin, Illustratorin, Lyrikerin. Veröffentlichte mehrere Gedichtbände und illustrierte viele bekannte Autoren, u.a. E.T.A. Hofmann und Achim v. Arnim. Sie war Zeichnerin beim SIMPLIZISSIMUS; WESPENNEST; WINDRAD; und ZWISCHENBEREICHE.

Es war 1980, als wir uns kennen lernten, über Kurt Rüdiger, den ich bald auch guten Freund nennen konnte, der damals seinen „Der Karlsruher Bote“ in der Friedenstrasse in Karlsruhe herausgab mit zahllosen Buchveröffentlichungen, seinem „Weltlyrikarchiv“ und dem „Jahrbuch Deutscher Dichtung.“ Er war mein Förderer in meinen Anfangszeiten, gab 1994 ein erstes Theaterstück unter dem Titel „Goldene Zeiten“ von mir heraus. Es gab über viele Jahre einen regen Briefkontakt, manche Treffen in seinem Büchertempel in Karlsruhe. Und Traute Bühler-Kistenberger war ein fester Bestandteil des Botenkreises um Kurt Rüdiger, machte hauptsächlich die Illustration mit ihren einzigartigen Zeichnungen, die mich bereits damals an Käthe Kollwitz erinnerten. Kurz, nachdem Kurt Rüdiger mich gewissermaßen als Schüler aufgenommen hatte, mich förderte, bei allen Unterschieden, die im Weltbild zwischen uns bestanden, wie in der lyrischen Form, wie er stets meinen „Freivers“ in eine gereimte Form überführen wollte, kam alsbald der Kontakt zu Traute Bühler-Kistenberger dazu. Ich war damals, wie ich es heute bin, von Camus und Sartre, der Existenzphilosophie beeinflusst, was damals im Kreis von Kurt Rüdiger zu heftigen Debatten führte, nachdem bei Rüdiger der Gottesgedanke stets vordergründig war. Bei allen Unterschieden und bei meiner eigenen Ansicht in Form und Inhalt und in Bezug auf meine Weltsicht spürte ich doch, wie sich Kurt Rüdiger und bald auch Traute sehr um mich bemühten, herzlich, fürsorglich, wie sie mich fördern wollten und förderten, mich aufnahmen in ihren Kreis, auch wenn ich irgendwie ein Sonderling war und es auch blieb. In der Mehrheit waren es die Übereinstimmungen im humanistischen Weltbild, die uns verbanden, die Sorge um die Mitmenschlichkeit, die „Solidarität der Kreaturen“, von der ich damals sprach, wie Kürt Rüdiger davon sprach und Traute mich aufnahm als „Seelenbruder“ in ihr weites, lyrisches Herz. Es ergab sich eine äußerst tiefe Verbindung zwischen uns, eine „Seelenfreundschaft“, und ich schrieb ihr Brief um Brief. Es müssen Hunderte gewesen sein, und sie schrieb umgehend zurück, Briefe, oh, welche einzigartigen Briefe!

Es waren Kunstwerke, Geschriebenes, Zeichnungen mit Randnotizen, wenn ich heute darüber nachdenke, dann war dieser Briefwechsel bedeutend, während ich ihr schrieb, schrieb sie mir hunderte von Briefen, und es brennt mir das Herz, wenn ich die Briefe heute vor mir sehe und nicht mehr weiß, bei welchem Umzug, welchem Chaos, bei welcher Unachtsamkeit oder Blindheit die Briefe verloren gegangen sind. Im nachhinein weiß ich, dass mir ein Schatz verloren ging, damals waren es für mich Briefe, eben, wie ich Briefe schrieb und auch darauf kritzelte. Sehr tief und aufwühlend ging es meist um Krankheit und Tod, die leidende Kreatur im Unwissen des Daseins. Oft konnte ich die Briefe der Traute nicht einmal gänzlich entziffern, was mich innerlich enttäuschte, und ich bat sie, sie solle doch leserlich für mich schreiben, mit Maschine, was weiß ich, es käme mir nicht darauf an, dass der Brief ein Kunstwerk sein müsse, ich wollte ihn nur entziffern können! Sehr oft konnte ich es nicht, doch wusste ich, was sie schrieb, gefühlsmäßig, waren wir zusammen. Übrigens hat sie nach meinem Einwand die Briefe stets weiter geschrieben, wie sie es immer tat, hat sich nicht beirren lassen, als wüsste sie, dass ich kaum etwas lesen konnte und doch, dass ich alles verstehen würde. So war diese Beziehung! Sie war meine geistige Freundin in der Zeit, meine „Seelenschwester“, als ich seelisch nicht selten blutete, wie ich es damals eindeutiger tat, als heute, als der Zweifel, der Tod, die Krankheit , die Liebe, auch die Frage um Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, auch der Widerwillen vor dem Gewöhnlichen, immer aber der Mangel an Liebe, Barmherzigkeit, Humanität, feinem Gefühl das Thema war. Sie ließ mich nicht allein, gab mir ihre ganze Aufmerksamkeit, schrieb mir, setzte sich für mich ein, war meine „Seelenschwester“, auch wenn ich ihr nie einen Engelsflügel reichen konnte, nie „heilig litt“, wie sie es gerne hatte. Ich litt, und das Leiden war ihr Thema, die Frage nach dem Umgang damit, also waren wir sehr verbunden, über das Leiden, die Verzweiflung, die Vereinsamung auch der eigenen Geistigkeit unter den Bedingungen. Traute, sehr duldsam, stets beschützend, aber auch schutzsuchend, hilfreich, zumal den Leidenden, selbst sehr gepeinigt bis zuletzt, im Stachel des Todes lebend. So schrieben wir uns, waren wir uns verbunden, waren Bruder und Schwester in der Ausübung geistiger „Mitmenschlichkeit“, waren getrennt in den Vorstellungen des Glaubens, verbunden im stetigen Zweifel um die Dinge, getrennt in der grundsätzlichen Betrachtung. Bei ihr war der „Gott“, aber doch nicht klar genug, um die Zweifel zu zerschlagen. Sie rief ihm zu. Ich rief ihm auch zu und bekam keine Antwort. Traute aber blieb meine „Seelenschwester“, auch wenn wir unsere grundsätzlichen Angehensweisen für uns nicht veränderten. Dazu war ich zu stur und sie war es grundsätzlich auch. in ihrem Leiden, an den letzendlichen Glauben an Jesus, gehängt an Schläuche, gemartert, geschweißt an das Leintuch.

Traute, meine Freundin, sie litt „heilig“, glaube ich, war ein guter Mensch, über jeden Glauben oder Unglauben hinweg, und darauf kam es an, kommt es an. Ich hoffe für sie, dass sie dort angekommen ist, hochoben, wo sich ihre Vorstellung schuf. Sie ist in meinem Herzen, in meiner Vorstellung von den Dingen. Es ist gut. Sie hat es gut gemacht, sozusagen.

Irgendwo schrieb sie leserlich: „Jemand, wie wir, findet nicht viel Ruhe unter den Lebenden“, womit sie unsere Befindlichkeit eindeutig traf. Ich hoffe, sie hat nun die Ruhe gefunden, die sie sich irgendwo gewünscht hat, sich redlich verdient hat. Sie starb nicht langsam. Sie ist eine große Künstlerin, die durch die Höhen und die Tiefen des Daseins gegangen ist, die wundervolle Zeichnungen, sehr gute Gedichte geschaffen hat, stand dem Dasein durchaus kämpferisch gegenüber, auch eine Eigenschaft, die uns verband. Sie gab nicht auf, kämpfte sich durch das Leid und die Krankheit der Tage. Sie rang mit dem Schmerz, der Furcht, machte es sich nicht leicht, rang mit der Erde, dem Himmel, der Sterbensangst, durchaus, mit der Angst vor dem Krieg. Aber sie besaß auch die annähernd unbändige Kraft einer starken Persönlichkeit, die sich gegen die Angst setzte und ein wenig mehr Licht in die Welt brachte, für uns alle. Traute Bühler-Kistenberger, die Not und Hunger kannte, die Verzweiflung der Seele der Krankheit bis zuletzt. Unser Lieblingsthema war der Weg, den wir gingen. Hier fanden wir uns wieder, verbanden wir. Sie lebte sich durch das Leid hindurch, durch die Sterbenden, die Kranken, durch den Schmerz hindurch, die Angst hinaus, die Not. Hier waren wir Schwester und Bruder. „Denn nichts verbindet mehr als die Angst“, schrieb sie. Nun schreibt sie nicht mehr, ist verstummt, wird kein Wort mehr formen, auf Erden, nicht mehr leiden, auf Erden, Nun scheint sie erlöst. Jetzt mag sie der Tod über das Leben hinweg trösten. Ich hoffe es jedenfalls für sie, hoffe, dass sich ihre Vorstellung insgesamt für sie erfüllte. Sie hätte die Glückseligkeit verdient, keine Frage. Ich durfte dich kennen lernen, mich über Jahre mit dir austauschen, war dir nahe, wie du mir nahe warst.

Sie rief die „Sternenseele“, rief den „Bruder“, war in den Schattenplätzen des Daseins unterwegs. Der Band „Schattenplätze, Gedichte, gefunden am Ufer des Ammersees“ ist ein Lyrikband, der so viel Weltsicht, „Stein und Geröll“ und Gefühl offenbart, immer auch der Zweifel am eigenen Leiden, am eigenen Glauben, am „Paradies?“. Der Band mit eigenen Zeichnungen von ihr illustriert. 52 Seiten, der ihre „Herzschläge“ zeigt. Schlag um Schlag. Ich weiß nicht, ob jemals jemand auf diesen Gedichtband analysierend zurückschaut. Ich denke, der Band hätte es verdient, zumal hier eine arbeitende, durchaus zweifelnde, immer menschenfreundliche Seele am Werk war. Eine ganz besondere Beziehung in meinem Dasein war die Beziehung zu Traute Bühler-Kistenberger. Über Jahre die mich durchaus geprägt haben. So viele Briefe, Gedichte, Worte. Danke dafür! Dass wir Staub sind, zurückkehren, Asche zu Asche, wie auch immer, ich konnte es vermuten, habe viel gelernt und gewonnen durch diese Verbindung. Danke, Traute!



Regina Schleheck / Adventsgeschichte von A bis Z. 2 CDs
Autorin: Regina Schleheck
Tim Schneider „Julius“
Juliane Ahlemeier „Jungel“
Christian Dominik Dellacher: Komponist

Adventsgeschichte von A bis Z
Ein Hörspiel für Ü-Zehner
Drachenmond Verlag, ISBN 978-3-931989-47-7, 14,95 Euro

Es beginnt dramatisch in „Autobahn“ und der Durchsage, dass sich spielende Kinder auf der Autobahn befinden und ein Schlag ertönt.
Und der Beginn eines pädagogischen Spieles, eine gute Idee im Gespräch im Alphabet zwischen Julius, dem Jungen und seinem Schutzengel vor Weihnachten. Von A wie „Autobahn“ zu „Alphabet“ zu B wie „Bretter“, auf denen man stehen kann, die die Welt bedeuten, die manchmal vernagelt sind. Wir erfahren aus dem Gespräch des Schutzengels und Julius, was zu den Buchstaben zu sagen ist, bis „zur bitteren Neige“, wer „A sagt muss auch B sagen“.
Mit „Play-station“ wird eine Welt erklärt über Einstein, Ordnung und Chaos, hin zu Friedrich Nietzsche werden wir über die Buchstaben ins Hörspiel geführt, hin zum Weihnachtsfest werden uns Erklärungen geliefert über „Gott und die Welt“ und die Genesis, das „Licht“ und die „Dunkelheit“, während der Schutzengel auch mal abdüst, wenn Julius nur „dösig“ drauf ist. Wir hangeln uns weiter im Alphabet zu E wie „Eifersucht“ und pädagogisch wertvollen Gesprächen zwischen Julius und dem Engel, der sich wie ein Privatlehrer einfindet. Doch wo ist Julius? Heute ist der 6. Dezember! Auch wenn die Zahlen abgearbeitet werden, wollen wir doch beim Alphabet bleiben. Das Wort „Ficken“ bedeutet soviel wie „unruhig“ und hängt eng mit „Possenreißen“ zusammen. Sehr interessant, was wir auf der Reise durch die Buchstaben alles erfahren. Wie Julius lernt, so lernen auch wir in der Lektion des Engels, der sicherlich in einem früheren Leben einmal Lehrerin war.
„Nix aber!“ wunderschön werden wir eingeführt in die Geschichten um die Buchstaben, in Schlösser und Hamster und Hexen und: „Morgen ist auch noch ein Tag“. Im Alphabet wurde „Irmgard allmählich fickerig“, werden wir durch leichte, geheimnisvolle Geschichten geführt, die uns Jungel vorträgt und Julius freut sich, wenn sein Engel kommt, doch die Frage: „wie bist du auf die Idee gekommen, auf die Autobahn zu laufen?“ steht im Raume.
Die Eltern sitzen am Bett von Julius, der nicht versteht, dass er lebt, im Bild, das der Schutzengel liefert, scheinbar, und beim L angekommen geht es um das Thema „Liebe“ in der Pubertät oder das „Lachen“?
Und der Engel kommt und geht. Und erklärt uns die Begriffe, den „Zeitpunkt“, den „Faust“, also erfahren wir aus Physik und Literatur, aus Philosophie und Psychologie, auch Sartre wird genannt, das „Nichts“ und immer wieder der junge Julius, der uns stets in neue Fragen führt. Eine herrliche Idee eines Hörspiels in Form und Inhalt. Eine intelligente Mischung aus Bildungs- und Schöpfungsgeschichte und der Engel bleibt die Lehrerin, die alles besser weiß, nach Julius, auf der Zählspur der Tage und Buchstaben.
Und wo liegt die Zentrale der Schutzengel? Ein sehr gut ausgearbeitetes Hörspiel um die Fragen des Wissens, im Zusammenspiel eines Jungen und seines Schutzengels vor Weihnachten. Eine Vorweihnachtsgeschichte. Mit dem entsprechenden Jugendjargon, spannend, hin zum „Stall“ und Julius muss sich langsam darüber bewusst werden, wohin die Reise geht, sagt der Schutzengel. Eine liebevolle Geschichte um eine Beziehung zwischen einem Jungen und seinem Schutzengel bis hin zum Thema: Tod.
Eine Geschichte der Bildung und Erzählung des Engels, die uns durch das Hörspiel trägt. Ich sage, ein hervorragendes Hörspiel über Leben und Sterben, „Gott und die Welt“ und „Weihnachten“ und ein Stundenplan zum Thema und ein Alphabet der „Menschen halt“ bis zu den „frohen Weihnachten“ und den Gründen dazu und der Geschichte zu den Eltern von Julius, der zum Weihnachtsfest zu den Eltern zurückkehrt. Ein hörenswertes Hörspiel.

Insgesamt eine interessante Spielwiese an Informationen und Zusammenhängen über „Gott und die Welt“, eingepackt in eine Vorweihnachtsgeschichte, die auch für Existentialisten, die im Allgemeinen ohne Engel auskommen, hier von A bis Z perfekt umgesetzt wurde. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, werden wir eingewoben in eine pädagogisch durchdachte Bildungsgeschichte, eine Vorweihnachtsgeschichte, die uns punktgenau einstimmt auf alles weitere, das womöglich kommen wird.




Volker Schopf „Agentur Friedwald – Das etwas andere Unternehmen“
Satire
Edition Octopus, 2007
ISBN: 978-3-86582-532-2


Agentur Friedwald, hier ist der Friede Programm, stehen stets „freundliche Mitarbeiter sofort zur Verfügung“ mit Hochglanzprospekten, den Tod und das nachfolgende Sein oder Nichtsein zu ordnen, auch wenn irgendwie nicht sofort deutlich wird, ob wir dem Frieden trauen können, ob es überhaupt ein Friede ist, der uns hier verkauft werden soll.
Die Agentur Friedwald ist jedenfalls sehr bemüht, neue Kunden zu akquirieren. Doch worum handelt es sich nun inhaltlich? Was wird uns angeboten?
Es werden keine Staubsauger verkauft, eher eine besondere Art von „Konservierungstechnik“. Wir werden informiert, als ginge es um die Güteklasse von Eiern oder Tomaten, während wir lange nicht darüber informiert werden, worum es wirklich geht. Also werden wir zunächst recht nebulös und mysteriös durch „Das Informationsgespräch“ geführt, bekommen eine „Reklamation“ vorgeführt, das „Modell Oskar“ bis hin zum „Firmenjubiläum“ in zwei Teilen. Und wir werden auf einen spannenden Pfad geführt, in einen „Umzug nach dem Tod“, in die „Gunther von Hagens – Straße der Körperwelten und in „Themenparks“ die etwas an Michael Crichton erinnern, in „Westworld“, „Futureworld – Das Land von Übermorgen“, wo wir noch Yul Brynner als ausgeflippten Revolverhelden sehen, die Statisten Androiden und Gynoiden. Später griff Crichton die Idee nochmals im „Jurassic Park“ auf und Volker Schopf entwickelt sie nun weiter im „Themenpark Stuttgart“, „Naturfreude in Gießen“ oder weiteren Parks. Dass es sich nicht alleine um Urlaubsparks handelt im Sinne der „Center-Parks“, wird schnell deutlich.
Es bleibt eine Spannung aus den üblichen Mechanismen der Werbung heraus und der Frage: worum wird hier geworben? „Die Stimme riss Norbert aus der beweglichen Zukunft in die Realität zurück.“ Ob „Norbert Schmitz“ wusste, was er reklamierte? Oder Brünhilde Schmitz? Jedenfalls handelt die Geschichte in bekannten Zeitzonen, scheinbar (auch wenn „Ludwig Rotfuß 2154 im Zuge der Rückführung erneut versetzt und seither 78 mal reanimiert wurde“), im Euroland, in Stuttgart, in Zeiten der „Fernbedienung“, „Bundeswehr-Ausbildung“, und scheinbar lebt auch Johannes Heesters noch, während immer wieder ein Mitarbeiter, freundlich bis zum Anschlag umgehend zur Verfügung steht, um irgendwie Licht ins Dunkel zu bringen oder doch Dunkel ins Licht? Der Papst spielt auch mit, „unser lieber Benedikt“, und empfehlenswert: „Die neue Attraktion im Mythologiepark in Hannover! Der Zentauer. Sehen Sie und bestaunen Sie. Springreiter Michael von Hüpf und sein Lieblingspferd Rochade in perfekter Symbiose.“ Also wird uns weiter „Der Weg zur Ewigkeit“ beschrieben in einer erfrischenden Satire über die „Agentur Friedwald“, dieses Umzugsunternehmen nach dem Tod, das uns zu einem würdevollen Dasein führen will, spannend wie ein Krimi, mysteriös, lesenswert, für den kleinen Lesehunger zwischendurch, ein kleines, witziges Büchlein, das in jede Jackentasche passt, zu empfehlen als Reiseliteratur, nach all den Fragen, die sich uns aus dem Leben und Lesen heraus stellen. Am Ende bleibt die Erkenntnis: „Wir werden kalt, wir werden kälter, wir werden Friedwälder“.




„Was wir verdrängen – Alter und Tod als unausweichliches Schicksal“
Geschichten und Gedichte / 2010 Armgard Dohmel

„Altersweisheit, wo bist du?“ fragt Armgard Dohmel in ihrem Buch über ein meist verdrängtes Thema: das Alter im absurden Raum des Seins mit all seinen Lücken und Fragen, den Gebrechlichkeiten, die aus der gelebten Zeit erwachsen, der Vergänglichkeit im Bewusstsein, gegen die kein Kraut gewachsen ist.
Es geht um die vorletzten und letzten Wege, die Auseinandersetzung mit einem Thema, das unsere Gesellschaft gerne ignoriert, tabuisiert, ausgrenzt. Was heißt es, alt zu sein, zerbrechlich, unausweichlich dem drohenden Tod ausgesetzt, wie eine Marionette den Verfallserscheinungen des Körpers und des Geistes folgen zu müssen, unausweichlich auf dem Weg ins Grab, in die Urne, mit all den Zweifeln und schmerzlichen Erfahrungen, den Sehnsüchten und Begleiterscheinungen? Dohmel beschönigt nichts. Sie beschreibt ihre „Altersidentität“, die ganz ohne innere Verklärung, ohne religiöse Abwanderung beschreibt, wie die Knochen schmerzen, „Der Mensch als Verdrängungskünstler“ wirksam ist, während sie nicht verdrängen will, offen sehen und ehrlich aushalten will, wie es sich zeigt, sich anfühlt auf dem „Abstellgleis“, mit all den Schubladen und Ausflüchten, die sich Menschen bilden. Hauptsächlich werden „Altersdefizite“ beschrieben, erscheint der Zusammenhang in „totaler Sinnlosigkeit“. Ihre Aussage entspringt ihrer individuellen Vorstellung, ihrem „Gefühl“, immerhin fragt sie in dieser Phase nach dem „Sinn des Lebens“. Gibt es ihn überhaupt? Sie gibt uns keine „ewige Wahrheit“. „Früher – ja, da habe ich alles geglaubt, was mir die Kirche als – ewige Wahrheit- verkündete. Doch im Laufe meines Lebens ist mir dieser Glaube abhanden gekommen und viele ihrer Lehren erscheinen mir nur noch absurd.“
Authentisch und ehrlich sind diese Geschichten und Gedichte, aufrichtig ohne jede Beschönigung, barocke Verkünstelung. Das Tabuthema der Gesellschaft: Alter und Tod, hier als persönliches Dokument einer aufrichtigen Offenheit, einer direkten, menschlichen Annäherung.
Die Autorin schreibt von ihren ureigenen Gefühlen, schreibt von sich, ihren Sorgen und Ängsten, sieht das Alter eher als Verlust, als Prozess, der nicht zu gewinnen ist, als unweigerliche Endung im nicht eigentlich gewollten Tod.
Also bleibt es absurd, von der Jugend zum Alter, von der Kindheit zum unausweichlichen Prozess des Alterns, dem wir alle weltweit, zeitweit, allumfassend unterworfen sind. Da nützt auch „positives Denken“ – von Menschen gemacht – nichts. Armgard Dohmel hat es verstanden, worum es geht. Um dieses absurde Dasein des Menschen mit den darüber hinaus beschwerlichen Seiten im Alter, sinnlos, beschwerlich zumal von Tag zu Tag. Eine Lösung kann uns nicht geboten werden. Die Zeit lässt sich nicht anhalten.
Wir sind nur auf Durchreise. Wir sind abhängig in unserem eigenen Bewusstsein gefangen. Und die Frage: was kommt danach?
„Ein Gott ist mir noch nicht begegnet.“
Ein wichtiges Buch, weil es einen Blick liefert auf ein zentrales Thema, weil es aufdeckt, was leicht verdrängt wird, die unverklärte Seite des Altersprozesses.
Zumeist in der Ich-Form geschrieben, beschreibt es insgesamt das Thema der Existenz des Menschen, beschreibt es als persönlichen Erfahrungsaustausch, auch als eine Art Selbstfindung, Eigenbetrachtung, Selbstanalyse. Ein wichtiges Buch auch darüber hinaus, nicht allein durch die demographische Entwicklung.
Auch wenn das Thema Alter immer mehr zum gesellschaftlichen Thema werden wird, so geht es doch hier allgemein über das philosophische Thema der menschlichen Existenz insgesamt. Dieses Buch greift auf, was uns alle betrifft, was uns alle angeht. Die Existenz, an deren Ende das Alter steht, der Tod, der unser aller Grundlage des Daseins ist. Es geht um Krankheit, Vergänglichkeit, das menschliche Thema insgesamt, während sich der Mensch in der Gesellschaft immer weiter von sich selbst entfernt, immer schneller abdreht in die Verdrängung der eigentlichen Wirklichkeit. Armgard Dohmel führt uns auf das grundsätzliche Thema des Daseins zurück, das Sterben, mit aller Angst, mit Zorn und Wut und Menschlichkeit. Also kann dieses Buch Kraft geben, bewusst machen, gerade weil ein Mensch aufrichtig und ohne Verklärung schreibt, sich darstellt in der Ausnahmesituation der Existenz, die nichts anderes als der „normale Wahnsinn“ ist.
Wir wollen weder altern noch sterben, entscheiden es nicht selbst, was uns betrifft, und doch müssen wir lernen, mit den unausweichlichen Gesetzen zu leben und zu sterben. Dass jeder Alterungsprozess auch eine „Kopfgeschichte“ ist, eine individuelle Geschichte des Gefühls, also jeder auch eine eigene „Wirklichkeit“ in sich trägt, sollte womöglich bedacht werden, wie jeder auf seine Weise lebt und stirbt. Was für alle gilt, die in die Existenz „geworfen“ wurden: wir leben, werden alt und sterben und doch sind wir auch in die Freiheit geworfen zu entscheiden, wie wir das tun.

Armgard Dohmel hat ein wichtiges und aufrichtiges Buch geschrieben, dem sich recht schnell ein großer Verlag annehmen sollte.



Regina Schleheck / Klappe Zu Balg Tot
Verlag: Wurdack Verlag, Nittendorf 2009-12-27
ISBN: 13: 978-3-938065-56-3


Regina Schleheck, seit zehn Jahren freischaffende Schriftstellerin, legt mit „KLAPPE ZU BALG TOT“ im Wurdack-Verlag eine Sammlung aus 24 Kurzgeschichten vor. Schleheck studierte Germanistik und Sozialwissenschaften, lebt in Leverkusen und arbeitet als Oberstudienrätin an einem Kölner Berufskolleg.

Sie beschreibt in ihrer Sammlung Kurzgeschichten, oft nur zwei, drei Seiten lang in einer durchgehenden schnörkellosen Sprache, die besticht durch ihre Klarheit, die gekonnte Federführung des sprachlichen Floretts durch die Geschichten. Hier wird gemordet, gibt es nicht wenig Leichen, aber es wird nicht mit dem Säbel gekämpft. Vielmehr kommen die Geschichten Schlehecks wie auf Samtpfoten daher, bis sie ihre wahre Botschaft offenbaren und sich Abgründe auftun, über die der eine oder andere stürzt.
Es sind keine „bitterbösen Geschichten“, wie uns der Untertitel einreden will, es sind Geschichten, die uns unter die Oberfläche der menschlichen Psyche schauen lassen, hinein in die inneren Verflechtungen der Seele, die offen gelegten Begierden, die „Körperwelten“ – Seelenwelten des Menschen in alltäglichen Situationen, ganz so, als würde es gleich nebenan geschehen, vielmehr so, als könnten wir es selbst sein, die hier die Klinge führen. Also werden Menschen dargestellt, die nicht mehr oder weniger „böse“ sind, als es Menschen üblicherweise sind, vielmehr wird uns eher ein Spiegel vorgehalten, der uns sagt: schaut, so sieht es aus, so sind wir, wenn wir uns ein wenig bewusster betrachten.
Eben menschlich! Aber nicht bitterböse!
Wären wir alle plötzlich „bitterböse“, wenn wir ehrlich sind?
Schleheck spielt mit uns dieses Spiel um Unterbewusstsein und Bewusstsein.
Und sie spielt es gekonnt, führt uns selbst vor, zeigt uns, worüber wir uns erregen, zeigt uns, dass wir es letztendlich selbst sind, dass die Grenzen zwischen „GUT“ und „BÖSE“ verschwimmen, wo auch der Pfarrer nur ein Mensch ist und auch in ihm ein Mörder stecken kann, ein pädophiler Lüstling, wie in der „Mutter“ wie psychische Abgründe vor keiner menschlichen Seele halten, die „Abgründe des Bösen“ „dessen Keim in jedem von uns steckt.“

Ja, das macht die Geschichten außergewöhnlich. Sie haben eine Richtung. Sie sind ganz genau kalkuliert. Sie sind intelligent. Sie spielen mit uns, als wären wir grundsätzlich nur irgendwelche Marionetten unseres eigenen Daseins, unfähig uns selbst zu erkennen. Diese Geschichten wollen uns zum Bewusstsein verführen, indem uns der Spiegel hingehalten wird, ein wenig in unser eigenes Dunkel geleuchtet wird.
Psychoanalytische Geschichten. Durchaus. Freud würde sich freuen!
Wir freuen uns auch!
Diese Geschichten regen zum „Nachfühlen“ an, regen an, dass wir uns möglicherweise über unsere eigenen Triebregungen ein wenig mehr bewusst werden.

Fazit: Regina Schleheck hat mit „KLAPPE ZU BALG TOT“ ein kleines Meisterwerk geliefert. Dem Verlag und Schleheck kann zu diesem Werk nur gratuliert werden.



Daniela Wegert / Am Meer
„Am Meer“ Lyrik und Kurzgeschichten, Norderstedt, 2008
ISBN: 978-3-8370-2886-7


Daniela Wegert legt mit „Am Meer“ einen neuen Lyrikband mit zwei Kurzgeschichten vor. Was zunächst besticht ist die saubere, handwerklich korrekte Bearbeitung der Reimform. Hier schreibt eine Dichterin, die um Metrik und Form weiß, die geübt im Spiel der Worte etwas von Rhythmus versteht, was heutzutage in der nachkommenden Lyrik nicht mehr oft bestaunt werden kann.
Die Hebungen und Senkungen stimmen. Das Versmass, klassisch korrekt, durchgängig bis hin zur Ballade. Dieser Band ist ein Anschauungsmaterial, wie mit Reimen jung und aktuell gearbeitet werden kann. Nichts wirkt „verstaubt“, altmodisch und ich denke, gerade darin liegt die besondere Stärke in dieser Lyrik, dass die Gedichte mit „alten“ Formen arbeiten und doch zeitlos wirken, wie es uns große Dichter in ihren Werken bereits vorgeschrieben haben.
In ausgearbeiteter Form präsentiert uns Daniela Wegert ihre Themen! Und wer ihren Roman „Neuntöter“ gelesen hat, der wird sie auch in diesem Lyrikband erkennen, wird sich sofort erinnert fühlen, wird den Faden aufnehmen, den Wegert spinnt: „Dort am Ursprung alles Bösen“ tritt sie an mit bekanntem Vokabular, beschreibt: Frucht und Leib und Leibesfrucht, Fleischeslust und Liebesakt: „nächtlich schmutzig Liebesspiele.“
Es geht um Geburt und Tod und immer wieder spielt das Fleisch der Vergänglichkeit seine Rolle, „Mutterleid“ und „Mutterschoß“, werden wir durch „Spalten“ geführt, „rosig Schlitz“ treten „faule Brüste“ auf, das „Gelüst nach Fleisch“ in Gedichten, die prall diesem Thema folgen, in Erinnerungen zurück, als würde hier am eigenen Leib erfahrenes beschrieben und also muss es sein, dass der „Spalt“ zwischen „Dichtung und Wahrheit“ auch hier sehr eng geführt wird. „Erinnerungen“ folgen dem alten Dichterthema:
Vergänglichkeit und „Liebe vergeht“ zum „Sterben“ zum „Tod“.
Durchaus in der klassischen Form klassische Themen und doch von klarer eigener Schreibweise, das Überthema der moralischen Verkommenheit in der Fleischeslust, das Schwanken zwischen den üblichen Bewertungen „Böse“ und „Gut“, die Zweifel im „Gelüst“, im Schuldgefühl der Befriedigung, als stünde uns die Madonna im Raume, blutig oft, das „Kind, dem Teufel ausgesetzt“ im „Teufelstanz“ des inneren Daseins.
Wegerts Literatur beschreibt die moralischen Schnittstellen unseres Denkens, deckt die „Verflucht verlogene Sitte“ auf, indem sie uns in den „Wollustgrund“ wirft und dort taucht der „Höllenschlund“ auf.
Katholisch, gründlich, möchte man sagen, die Angst und das Blut im Fleisch: „Ihr schreit Moral?“
Wer schreit denn da? Ist es die Autorin selbst? Selbst hin und hergeworfen zwischen Fleisch und Zweifel. „Warum nagt ständig das Gelüst / warum gab man uns, was gern geküsst / wird in die feuchte Mitte?“
Wegert verarbeitet ihr Innenleben zu lyrischen Bildern und bei „Vaterherz“ liegt das Wort „Schmerz“ sehr nahe und dennoch kann hier nicht von „Herz-Schmerz-Lyrik“ die Rede sein.
Hier wird eine eigene Sprache gesprochen, sind Themen erkennbar, wird uns eine innere Welt geboten, die uns psychologisch und philosophisch trifft, die uns in unsere eigenen Wunden zurück wirft, die uns unsere eigenen Zweifel erkennen lässt.

Daniela Wegert ist eine Dichterin. Sie hat ihr Thema und sie hat ihre Sprache. Sie ist mutig und folgt ihrer inneren Stimme.
Und wenn sie sprachlich die Brüste mit „Schwarze Milch“ (Todesfuge, Celan) füllt, so wollen wir sagen, ja, sie kann es tun, sie tut es, weiß um die Dinge, die Sprache der Fuge und tut es doch!
Daniela Wegert hat einen neuen Lyrikband vorgelegt.

Und zwei Kurzgeschichten: „Die Kutschfahrt eines Advokaten“ und „Das Haus der Einsamkeit“ sind Beispiele für Daniela Wegerts stilvolle, präzise ausgearbeitete, farbige, adjetivistische Prosa. Auch hier wird deutlich, dass Wegert ihr Sprachhandwerk versteht und darüber hinaus spannende und inhaltsreiche Inhalte zu vermitteln vermag.

Insgesamt ist „Am Meer“ ein dünnes Bändchen, das voll sprachlicher Perlen ist, das beweist, dass hier eine Dichterin ihrem Weg folgt, langsam, aber präzise und ausgearbeitet, langsam, aber sprachlich korrekt und inhaltsreich, langsam und vorsichtig, doch eigenartig und wertvoll.
Im Grunde würde ich mir nun ein neues, größeres Prosawerk von Wegert wünschen, einen Roman, der ihre Sprache aufnimmt, ihre Inhalte zur Sprache bringt, wünschen, dass sich ein ordentlicher Verlag dem Werk Wegerts annimmt.



„Von der Zärtlichkeit des Übermorgen“
Hrsg. Marlies Eifert und Georg Grimm-Eifert AF
Verlag 2007-10-27


„Absurdeld heideggernd ins Übermorgen“

Im Vorwort heißt es, dass in der SF-Szene der Gedanke alltäglich wurde, dass die Erde halbwegs unbewohnbar werden würde.
„Über endzeitliche Szenarien lässt sich die Fantasie heute in derart breit gefächerter Weise aus, dass man wohl von einer Banalisierung eschatologischer Vorstellungen sprechen kann. Wenn SF-Vorgänge in beinahe schematisierten Abläufen sich zuhauf präsentieren, ist es für den Lesenden schon eine Zärtlichkeit, so hoffen wir, einmal Absurdelndes und ganz anders Gestricktes in die Hand zu bekommen.“
Der Gedanke und die Vorstellung der Herausgeber, richtig gesetzt, nach weitgehend unbefriedigten Umsetzungen des Zukunftsthema durch die heute SF-Szene, also die Frage:
geht es auch anders? Phantasievoller? Realistischer? Dann auch in einer sprachlich versierten Schreibweise, die auch in der Beschreibung bereits vom „Übermorgen“ kündet. So auch die allgemeine Hoffnung beim Lesebeginn des Buches, dass wir als Leser in neue Welten „entführt“ werden, wir einen Eindruck davon bekommen, was uns oder die Generationen nach uns erwartet, wie auch immer, positiv oder negativ.
Die Hoffnung, dass etwas Neues erscheint, eine neue Weltsicht, ein neuer Ansatz in der Beschreibung des „bleibendes Fiaskos“, wenn man so will, vielleicht sogar der Gedanke, dass in Zukunft unser Anthropozentrismus gedanklich beendet wird. Der Mensch seelisch, geistig zu einem geschlossenen Weltbild gelangt, eingeschlossen alle menschlichen Wissenschaften, zumal die Philosophie mit der Theologie, gemeinsam mit den Naturwissenschaften, die Hoffnung, dass sich die Wissenschaften „zärtlich“ umschließen und Fragen zu „Gott“ oder dem „Existenzialismus“, dem Zweifel oder dem Glauben oder „heideggernd“, dass der Mensch ins Sein geworfen wurde und zum Beispiel nach Sartre nun seine „Freiheit“ selbst gestalten muss und will.
Wie auch immer, solche Themen, die seit der Bibel und Augustinus, seit den Erkenntnissen der Astrophysik und der Philosophie weiterhin ungeklärt und letztendlich nicht allgemeingültig beantwortet werden konnten.
Werden diese Fragen des Menschen im „Übermorgen“ hin zur geistigen und körperlichen „Zärtlichkeit“ geklärt werden?
Das interessiert, also die Hoffnung auf einige Fragen des Heute auf einige Antworten des Morgen zu stoßen. Die Herausgeber schrieben: „Die Hoffnung hat uns nicht enttäuscht.“

Zumal die Texte der Herausgeber tatsächlich nicht enttäuschend waren, nicht von Georg Grimm-Eifert, nicht von Marlies Eifert, wenn es etwa in „Expedition“ um die Frage geht, ob es auf anderen Planeten, in einem anderen Universum eine „bessere Gesellschaft“ geben könnte. „Eine Gesellschaft ohne Friedhöfe. Intelligentes Leben ohne Tod! Stattdessen: zärtliches Sich-Vereinigen. Kein Fressen und Gefressenwerden, keine Kriege, keine Krankheiten. Die aggressionsfreie, friedliche Gesellschaft auf einem Planeten?“ Die Frage kann gestellt werden und sie wurde nicht zum ersten mal gestellt. Die Frage nach der friedlichen Lebensform, wie sie immer wieder in die Sehnsucht des Menschen kommt, wie die Sehnsucht den Tod hinter sich zu lassen, zumal nicht in ein mögliches Nichts zu fallen.
Auch „Cleos neue Wege“ von Marlies Eifert, sprachlich bekannt gekonnt geschrieben, beschreibt diese Sehnsucht, das Liebgewonnene nicht zu verlieren, also zumal: Allzumenschliches, auch wenn der Umgang mit Tod und Vergänglichkeit und also der Verlusterfahrung immer wieder ein menschliches, psychologisches Thema war, zumal der Mensch gerne den menschlichen „Trägheitsgesetzen“ folgt und ungern aus seiner gewohnten Bahn gerissen wird. Ein Thema, das immer wieder erneut literarischen, psychologischen Wert besitzt und unbedingt weiter zu bearbeiten ist, ich denke auch im „Übermorgen“.
Was uns nicht weiter hilft, sind Texte wie „Waldspaziergang“ „Immer mehr Bäume erkranken in Folge der Luftverschmutzung. Viele sterben ab. Ich höre ein Flüstern in den Bäumen. Sie klagen ihr Leid.“
Es wird nicht besser, wenn es die Herausgeber „heideggernd“ nennen, weil Martin Heidegger, wie andere auch vor langer Zeit, bereits als Mahner auftrat, der das Ausbeutungsverhältnis des Menschen zur Natur kritisierte:
„Jetzt erscheint die Welt wie ein Gegenstand, auf den das rechnende Denken des Menschen seine Angriffe ansetzt. Die Natur wird zur riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Technik und Industrie.“
Also wissen wir, dass der Wald leidet, können es täglich in den Zeitungen lesen und sogar selbst im Walde sehen, wenn wir einen Spaziergang wagen:
„Die Natur, mein Wald, ist heute griesgrämig, grau, die Verzauberung ist von ihm gewichen, ein Schleier ist gefallen. Alles, alles ist kleiner geworden, matter, lebloser, dumpfer... Denn man hat sich an der Natur versündigt.“
Gut, wir wissen es also..., dass die Autorin allerdings von „mein Wald“ spricht, ist wirklich „absurdelnd“ und geradezu töricht, da die Gesamtproblematik der Erdkatastrophe nicht zuletzt daher kommt, dass der Mensch den Wald und die Erde insgesamt fälschlicherweise zu oft als „seinen Wald und seine Erde“ ansieht und entsprechend behandelt.
Wir wissen: die Erde braucht den Menschen nicht, ganz im Gegenteil, aber der Mensch braucht die Erde.
Und am Ende: „Ein andächtiges Gefühl bewegt mich. Ich falte die Hände und bete um den Erhalt der einzigartigen Natur. Ich bete darum, dass die Menschen sie beschützen, anstatt sie zu zerstören.“
Wie gesagt, das hilft nicht weiter! Da bleibt die Vereinsamung im Geist, stellt sich keine „Zärtlichkeit“ ein. Das „Zurück zur Natur“, das in vielen Texten anklingt, zurück zur „altmodischen Art“, eine Art, die bereits Voltaire in Bezug auf die Philosophie von Rousseau kritisierte: „Noch niemand hat soviel Geist verschwendet wie Sie, in dem bestreben, uns wieder zu Bestien zu machen. Man bekommt richtig Lust, auf allen vieren zu gehen, wenn man ihr Werk liest. Indessen habe ich diese Gewohnheit schon seit sechzig Jahren aufgegeben, und so ist es mir unmöglich, sie wieder aufzunehmen...“
Also, bringt uns das weiter? Barbara Jung kann schreiben, das wissen wir, wie es Barbara Lorenz kann und natürlich: Nele Mint. Ihre Geschichten in der Anthologie zeugen von eigenem Stil, sind gekonnt geschrieben. „Der Ohrwurm“ ist frech und witzig, wie auch die WG-Geschichte „November 2030“.
Auch diese Autorinnen machen das Buch lesenswert, auch wenn es sich in den meisten Geschichten eher um konservative Denk.- und Schreibweisen handelt, die sich menschlich, psychologisch, erklären lassen und also ihre menschliche Berechtigung haben, wie natürlich die Forderung nach „Zärtlichkeit“ ihre menschliche Berechtigung hat, sich erklären lässt, aus menschlicher Sichtweise, wie natürlich die Angst vor „Krieg und Vernichtung“, vor „Manipulation“ ihre absolute Berechtigung hat, geistig, literarisch, die Angst vor Überwachung wie sie Orwell beschrieb im Buch „1984“ wie es stets ein Thema der Literatur ist, dass wir uns möglichst bewusst werden wollen und keine Marionetten sein sollen, nicht ausgebeutet werden wollen, weder von anderen, noch von uns selbst und andere nicht ausbeuten sollen, also ist inhaltlich nichts einzuwenden gegen die menschliche Art des Widerstandes und die Angst vor Veränderungen, die im Buch oft deutlich wird.
Dass der Mensch insgesamt, philosophisch und psychologisch immer auch sehr der „Macht der Gewohnheit“ unterworfen ist, stelle ich hier in den Raum, aus dem alleine sich manche Angst erklären lassen könnte?

Der verständliche Hang zur menschlichen Wichtigkeit, zur Sinnhaftigkeit des menschlichen Bewusstseins, zur sinnigen „Zärtlichkeit“ unter den Erdmenschen, was auch in die Zukunft beschrieben wird, dass wir als Mensch es sind, sein wollen, der sagt, was wichtig oder unwichtig ist, menschlich oder unmenschlich, dass wir bestimmen wollen, es „gut“ haben wollen, wie wir es „bequem“ haben wollen und also uns Maschinen erschufen, die es uns bequem machten, die nun wieder zum Thema der Gegenwehr herhalten müssen.

Ich denke, wir sind es selbst! Dieser Gedanke fehlt mir in allen Texten! Die uns zu dem gemacht haben, was wir sind! Die uns zu dem machen werden, was wir sein werden! Wir und zwar jeder einzelne von uns hat die Verantwortung und es ist nicht so, dass wir nur und grundsätzlich fremdbestimmt sind und also somit aus den Geschichten und der Geschichte herausnehmen können.
Und ein weiterer Gedanke:
„Jeder möchte die Welt verbessern und könnte es auch – wenn er nur bei sich selbst anfangen würde“ (Karl Heinrich Waggerl ( Österreichischer Schriftsteller – 1897 – 1973)

Der beste Text der Anthologie kommt für mich von Liane Mandt: „Trotzdem“ Der Text hat „Zärtlichkeit“ und tiefe Einsicht. Auf zwei kurzen Seiten bringt die Autorin alles zusammen, worum es auch „Übermorgen“ gehen kann. „Es war früher nicht selten, dass man die Zärtlichkeit widrigen Umständen und scharfem Gegenwind abtrotzen musste. Im Übermorgen wird es nicht anders sein.“

Insgesamt ist „Von der Zärtlichkeit des Übermorgen“ wenig in den Texten zu spüren. Ob zurecht oder nicht? Es überwiegt der Skeptizismus in Bezug auf das Neue gegenüber dem Alten und Bekannten.

Dass das Thema zur rechten Zeit von den Herausgebern richtig gestellt war zeigt sich an den Schwierigkeiten mit dem thematischen Umgang. Wir wissen nicht, selbst die Autoren wissen nicht, was sie vom „Übermorgen“ halten sollen, zumal die Verunsicherung bereits in der Gegenwart wirkt.

Dass es „Angst“ ist, was uns in Bezug auf das Unbekannte begleitet, das muss ich nicht lesen.
In dieser Hinsicht hat sich meine Hoffnung an das Buch hier nur begrenzt erfüllt. Scharf an der Zärtlichkeit vorbei geht es, eher unsicher bis ironisch, aber weithin ohne neue Erkenntnisse. Ich bekomme beschrieben, wie sehr Menschen mit sich selbst beschäftigt sind, wie sie leiden, wie ihnen die Existenz an sich Probleme bereitet. Ich bekomme beschrieben, was Ausbeutung in einer fernen Zukunft bedeuten kann, bekomme Geschichten, als wären Menschen aus der heutigen Zeit in die Welt von Morgen gesetzt worden. Das will ich nicht unbedingt lesen! „Die Zeitmaschine“ in den Köpfen scheint nicht richtig in Gang gekommen zu sein, verharrt bei aller Anstrengung weiterhin zu sehr in alten Denkmustern der ängstlichen Gegenwart, der gegenwärtigen Innenwelt der Menschheit, wird selten genug darüber hinaus phantastisch.

Ob sich das Bewusstein des Menschen insgesamt in der Zukunft verändert? Ob wir uns andere Denkweisen aneignen können? Ob wir Hass und Eigensinn und Neid und vernichtenden Starrsinn insgesamt verlassen können? Ob wir wirklich einmal zur menschlichen Zärtlichkeit im Ganzen und Großen gelangen können, im Fühlen und Denken?

Ich hätte gehofft, es gibt hier einige Geschichten, die von Menschen des Übermorgen sprechen, phantastisch positiv,

Von Geschichten, die von zärtlichen Menschen des Übermorgen geschrieben werden! Das haben wir hier nicht! Das Bewusstsein macht selten genug Sprünge in ein neues Zeitalter. Als blieben wir ewig in unseren eigenen inneren Gittern gefangen. Dass der Mensch Billard („Billardpartie“)spielt mit den Planeten, Kräften, dass ein Alien auf der Erde landet („Monster“) –das können wir uns denken. Mit unseren üblichen Denkmustern. Das reicht nicht aus für eine glückliche Zukunft. Auch wird eher die Gegenwart mit ihren Computern, Handys, Chat-rooms, Mouseclicks, Klone, Aidsmäusen usw. beschrieben, als ein „Übermorgen“.

Als wäre die Gegenwart noch nicht gegriffen, als müsste erst einmal die Gegenwart bearbeitet werden, die Angst vor der Gegenwart bearbeitet werden, der Umgang mit der Gegenwart hergestellt werden, bevor es weiter in die Zukunft geht.

Dass der Mensch sich klar wird über sich selbst, sehe ich in den meisten Geschichten weiter nicht.
Das „Übermorgen“ wird hier nicht ersichtlich.
Dass die Sonne vor 4,6 Milliarden Jahren entstand!
Die Menschen nach Ptolemäus, Kopernikus, Galileo, Kepler, Newton, nach Orwell und all den S/F-Geschichten der vergangenen Jahrzehnte.
Wo sind sie? Heideggernd?
Nach Aufklärung und Giordano Bruno, nach Charles Darwin und Sigmund Freud, Alfred Adler und Galileo Galilei, nach Hegel und Goethe mit seinem „Faust“ nach Homer, Kierkegaard, Leonardo da Vinci.
Was haben wir gelernt? Nicht als Menschen, sondern als Menschheit.
Oder ist es so, dass wir mit jedem neuen Leben bei Null beginnen müssen? Kann sich Menschheit nicht weiter entwickeln? Technik vielleicht, Technologie, aber nicht das Bewusstsein über ein Gesamtkunstwerk Mensch? Haben wir als Menschheit nichts gelernt? Nach Nietzsche und Nihilismus, Organismus, Pantheismus, Empirismus, Existenzialismus, Idealismus, Marxismus, nach Konstruktivismus und Urknall oder Genesis. Was nehmen wir mit in eine Zukunft?
Außer der üblichen, menschlichen Angst vor Vernichtung, vor der Auflösung der bekannten Existenz?
Außer der Angst vor dem, was wir als Menschen nicht verstehen! Also der Angst vor allem! Vor Einstein, der die Relativitätslehre beschrieb, „Gravitationswellen“ entdeckte, wenn sich Materie im Raum bewegt, der von „gekrümmtem Raum“ sprach, der die Zeit als „vierte Dimension“ ausmachte. Dass Masse Energie ist. Das ist kein „Übermorgen“. Das ist heute und jetzt und wir haben es nicht begriffen. Dass das Licht 8 Minuten und 20 Sekunden braucht, um von der Sonne zur Erde zu gelangen. Dass unsere Sonne 99,8 mehr Masse besitzt als „unsere“ Erde. Dass der besagte Kant auch eine „Theorie des Himmels“ beschrieb.
Wissen wir es? Haben wir nachgelesen? Was Menschen vor uns gedacht haben? Weshalb Menschen so sind, wie sie sind? Und zur Philosophie unserer Existenz in der Zukunft?

Wissen wir nicht, was wir als Menschen heute machen? Wollen wir nur stets unser Marionettendasein führen und beschreiben? Im Essay von Jean Claude Rubin wird Immanuel Kant genannt: „Mit anderen Worten: Der Mensch, als Vernunftwesen, kann frei entscheiden.“

„Wir“ sind verantwortlich. „Wir, alle“. Sagt nicht nur die Existenzphilosophie nach Sartre oder Camus. Nichts davon ist spürbar. Keine neue geistige Welt aus den Errungenschaften der bisherigen menschlichen Philosophie oder Naturwissenschaft. „Nichts Neues unter der Sonne“ sagt Beckett.

Keine neue Spannung, die aus einem neuen Bewusstsein quillt, keine neue Aufbruchstimmung, eher die altbackene Angst vor Neuerungen und die alten Menschenängste vor dem Tod, die Sorge, dass wir nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen, dass wir uns selbst nicht verstehen, also keine Fragen von heute, gestern oder morgen, eher von psychoanalytischer individueller Innenwelt.

Soweit interessant diese Anthologie, dass sie uns zeigt, wie wenig anscheinend der Mensch des Heute, soweit er sich hier zeigt, über sich selbst weiß, dass wir als Menschen scheinbar noch lange nicht die Gegenwart bearbeitet haben, dass wir geistig weiterhin den technischen, naturwissenschaftlichen Fortschritten hinterher hinken, dass uns der Fluss der Zeit, der Fortschritt eher überflutet und wir kaum in der Lage sind, den Entwicklungen innerlich zu folgen. Wir sind weder bei uns noch bei den anderen. Wir sind weder heute noch morgen, bewusst hier. Und es ist auch ungeheuer schwierig – es zu sein, sicher, aber eine Aufbruchstimmung dahin wäre denkbar gewesen!

„Wir werden konstant von Informationen berieselt, deren Herkunft uns nicht immer bekannt ist. Zur Ablenkung natürlich“ (Aus „Essay“ von Rubin)
Es wird gesagt, dass wir uns als manipulierte Wesen fühlen,
Menschen von Menschen manipuliert, dass wir bereits heute nicht wissen, wie uns geschieht,
wir uns heute bereits nicht mehr zu helfen wissen.
Wie können wir also für eine Zukunft, für die Zärtlichkeit des Übermorgen“ gerüstet sein? Wir sind es nicht! Wie wir bereits für die Gegenwart nicht gerüstet wurden und nicht für die Vergangenheit gerüstet waren! Scheinbar! Scheinbar sind „wir“ weiterhin einer Macht ohnmächtig ausgeliefert, die sich „Mensch“ nennt. Als gehörten wir selbst nicht zu dieser Gattung.
Das hat dieses Buch exemplarisch gezeigt. Wir sind nicht bei uns!
Das „Monster“ als Alien fliegt gerne davon: „Was sollte ich von euch lernen? Wie man einen Planeten zerstört?“
Weiter haben wir es als Menschheit nicht gebracht. Zunächst.
Aber: was die Psychologie im Einzelfall zeigt.
Erst wenn der Mensch vor dem Abgrund steht, wird er sich verändern.
Erst dann weiß er, dass er sich verändern muss.
In Bezug auf die Welt sieht es nicht anders aus.
Der Mensch als Menschheit steht am Abgrund. Es muss etwas geschehen, damit etwas geschieht. Das Universum braucht uns nicht.
Die Erde hat uns als Geziefer im Pelz. Als blutsaugende Zecke.
Die Erde braucht uns nicht. Das Universum braucht uns nicht.
Nicht als Individuum mit all den Ängsten und Sehnsüchten usw. nicht als Menschheit.



Monika Wegscheider
„Bittersüße Fühlgedichte"
Novum Verlag, Wien, München 2004



Monika Wegscheider, geboren 1955, legt mit „Bittersüße Fühlgedichte" ihren Debütband vor. Das Buch ist in fünf Abschnitte unterteilt: Liebe/Heiter/Haiku/Gedanken/Mundart.
Im ersten Teil wird die Erfahrung der Liebe in zarten Bildern sinnlich beschrieben. Eros und Erotik, das „Du" in den Räumen und Zwischenräumen wird mit der Hand, dem Mund, allen Sinnen erfahren, beschrieben in zarten Wortnetzen:
„So leicht und weich / wie eine Feder" beschreibt Wegscheider das Verlangen, die Sehnsucht: „wie damals / als wir die Zärtlichkeit erfanden / Wir legten uns in sie / als wären wir / aus einem Guss."
Die Sprache ist es weitgehend, aus einem Guss, einer Form, lässt einen eigenen Stil erkennen, der Zeilenbruch nicht willkürlich, die Sprache klar, nicht hermetisch, Inhalt und Struktur, eingängig, leicht,
gekonnt wird der lyrische Faden gesponnen, das Netz um den Leser gelegt.
Das Reich des Empfindens: „es hebt sich und senkt sich / im Rhythmus der Lust / wie Brüste / und Leiber"
Und: „Du machst mich duftend".
Jedoch wird auch hier bereits über den erotischen Augenblick gefühlt und gedacht:
„Dein Lächeln / ich wollte es fangen / spannte Netze / ins Nichts"
Bereits im ersten Teil wird deutlich, dass es nicht bei der „Liebe" bleiben wird.
Schon steigen erste Wolken auf und es wird gefragt:
„was sein wird / wenn die Lüste / den Süden erreichen"
Wegscheider spielt mit den erotischen Stimmungen, führt langsam hinüber „aus den Wimpern / in die Krähenspur / der Nächte"
Hier schreibt eine Lyrikerin, die einiges Gefühl, einige Erfahrung in ihrem Herzen angesammelt hat. Das wird in jeder Zeile deutlich.
Hier „buchstabieren wir sinnlich / wort für wort"
„Und meine Fantasie / setzt an zum Ritt"
Der erste Teil „Liebe" atmet wunderbar tief sinnlich durch, ist leicht und prickelnd zärtlich „mit Schwielenhänden / die groben Faltenwürfe"
beschrieben. Es erscheint erstaunlich gekonnt, was uns hier begegnet:
„Das Auf und Ab des Fühlens"
während wir schon „am Krückstock der Zeit" sterben,
„fühlen nagend die Zeit / längsseits unserer Kiemen".
Schon kommt die „Angst" ins Spiel, nennt sich „Schwarzer Vogel" ,
der an Ludwig Hirsch erinnert, der hier zum „Vögelchen" wird..
„Und wieder floh die Nacht / mir viel zu früh"
Es ist Lyrik, die in sanften Worten zu den bekannten Ergebnissen kommt, die nicht nur in Wien die Runde machen.
(„Ich liege auf dem Rücken und schaue mit zugemachten Augen in die Finsternis")
Wegscheider führt uns sensibel und vorsichtig in diese Zone, beschreibt ihre eigene Unsicherheit, wenn sie spürt, dass die Lust enden wird, die Nacht kommen wird,
die nicht mehr gefühlt werden kann. Sie weiß, dass die Erotik nicht die Lösung, nicht die Erklärung der menschlichen Frage sein wird.
„So viele Sommer schon" „singt er von Abschied".
Die alten Themen der Lyrik von Liebe und Vergänglichkeit werden hier gekonnt verarbeitet, nicht nur verwendet, wirklich gefühlt und glaubhaft erneuert. Dass sich die Themen nicht ändern, können wir der Autorin nicht vorwerfen.
Dass sie die Themen frisch und stilsicher und glaubhaft lebendig beschreibt, dafür müssen wir sie loben.
Im zweiten Teil „Heiter" treibt sie den Spaß voran, der hier zwischen Liebe und Vergänglichkeit durchaus absurd erscheint und damit nicht unpassend. (Wenn nun Dialekt ins Spiel kommt, muss ich als Schwabe passen.)
Im Teil „Haiku" in den vier Jahreszeiten weht ein „warmer Todeshauch" zittert das Spinnenetz spürbar:
„Herbstsonnengetränkt / bunter Baumschmuck zittert leis` / nahen Tod ahnend"
Die Autorin hat ein großes Gespür für diese Form.
Das ist einfach gekonnt. Ihre leichte Lyriksprache bündelt sich hier zwanglos und scheinbar ohne Anstrengung zu:
„Zartlila Düfte / Seelennahrung nach Kälte / Fliederblütenmeer"
Hier bewegt sich die Autorin über eine sehr schwierige Form der Lyrik scheinbar schwerelos und leicht. Hier wird auf vier Seiten die ganze Meisterschaft der Autorin deutlich:
„Eisblumengarten / mein Atem lässt ihn welken / warmer Todeshauch"
Das ist einfach gekonnt. Hier schreibt keine Eintagsfliege.
Hier hat eine Autorin die Sprache und den Gedanken und die Form gefunden.
Im Teil „Gedanken" : „Es finstert schon"
„im Tal der tausend leeren Schritte" – kommen wir dem Ende nahe.
Auch hier bleibt die Form und der Sprachstil erhalten,
auch wenn „meine Seele furchtsam schweigt".
Auch hier bleibt es glaubhaft, spricht uns ein Mensch, fühlt uns eine Frau ihre Gefühle, die in „schweißdurchtränkt" nur noch „die gunst des sensenmannes..." begehrt -
in „Aus-gelebt" „meine Brüste leer gestillt / meine Lippen stumm geküsst / und die Häute wund gestreichelt" …
Fazit: Monika Wegscheider hat einen beachtlichen, sprachlich ausgefeilten Erstling, eine „reife Leistung" geliefert. Hier spricht die Erfahrung und das Gefühl vieler Gefühle und Erfahrungen. Hier spricht eine Frau von ihrem Sein, ein Mensch von seinen Sehnsüchten und Ängsten. Hier wird gefühlt, bitter und süß, werden wir eingesponnen in Erlebtes zwischen Lust und Sehnsucht, Sein und Vergänglichkeit. Hier wird nicht mit Gefühlen gemogelt, wird ehrlich „mit Worten gemalt". Hier schreibt eine Frau, leichte, sprachlich gekonnte Gedichte, eine Frau, die von den Härten des Daseins weiß, schreibt spinnennetzfeine Gebilde, entfacht einen „Reigen der Poesie", reif und sprachlich stilsicher.
Hier wollen wir hoffen, dass es nicht bei diesem Erstling bleibt.
Hier hoffen wir, dass der „Sensenmann" noch etwas wartet und es weiter geht, weiter mit den sprachlichen Spinnennetzen, vielleicht mit den Ängsten und Sehnsüchten, jedenfalls weiter. Das wollen wir uns und der Autorin wünschen
.



Marjana Gaponenko: Freund
Odessa 2002
Majak Verlag - ISBN 966-587-059-9


Marjana Gaponenko legt nach ihrem grandiosen Lyrikdebüt "wie tränenlose ritter" (Geest-Verlag / ISBN 3934852-07-6) das sie als größtes Lyriktalent innerhalb der zeitgenössischen, mitteleuropäischen Gegenwartslyrik auszeichnet, das sie bereits als große Lyrikerin in deutscher Sprache für eine kommende Zeit zeigt, einen kleinen, komponierten Band mit lyrischen Prosastücken vor, der dem Thema "Freund" folgt. Nach Lyrik, die ihr uneingeschränktes, leichtes Talent in solchem Ausmaß offenbart, dass es jedem klar sein muss, dass sich hier große Poesie offenbart, nach Lyrik, die grundsätzlich nicht zu überbieten war, nun also zunächst kein neuer Lyrikband.
Erst war ich etwas enttäuscht, dachte an ein neues Lyrikwunder und hielt nun diesen Band in der Hand. Eine große Lyrikerin? Auf dem Weg zur Prosa ?
Dann las ich den Band und war beruhigt, denn es war keine Enttäuschung. Es ist keine Lyrik, aber es ist... Literatur von feinstem Stil und höchster Ausprägung. Dies zu erkennen geht nicht von einer Minute zur anderen. Marjana Gaponenko fordert unseren Zusammenhang heraus, fordert unsere Ruhe, fordert uns auf zum Wort, das uns erleichtert, das uns fesselt.
Sie beschreibt das Thema "Freund", ihren Freund, "Er liebt - meine schönen leeren Worte" beschreibt die Liebe, einen "Freund", beschreibt sein "Schnarchen", beschreibt scheinbar autobiographische Begebenheiten und stülpt sie in lyrische Prosastücke. Es sind autobiographische Stücke. Auch über die Mutter. In fantastischen Bilderwelten entsteigen ihrer weiten Seele "Freundbilder" ,die sich außerhalb einer eigentlichen "Weltsicht" befinden.
Bilder einer Beziehung einer Lyrikerin zu einem Freund, einer Landschaft, zu Orten, Erlebnissen, umgesetzt in zarte Wortnetze, liebevolle Bilder. Hier kann man einsinken in Wortmeere, wird Seite um Seite verzaubert, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, lässt man sich einfangen von diesen Netzen, die einen bald nicht mehr loslassen, bis man endlich ganz diesen Gebilden zum Opfer fällt.
Gleichsam ohne einen psychologischen oder weltanschaulichen Hintergrund verbleibt der Leser ohne Botschaft ohne weiteren Wegweiser, sprechen die Worte für sich, entwickeln in unserem Innern ihr Eigenleben, lassen sich nicht von einem Ich, einem Sein, einem Bewusstsein eindeutig zähmen oder vereinnahmen.
Und dieses macht auch diese lyrischen Prosastücke zu einem geheimen Schatz, der stets mit neuen, rätselhaften Diamanten glänzt und der doch nicht einfach davongetragen werden kann. Diese Literatur lebt.
Sie ist im Fluss, im Wandel, lässt sich auch immer wieder neu und auf eine neue Art lesen.
Marjana Gaponenko ist wieder ein kleines Wunderwerk gelungen. Noch hat sie nichts von ihrer Unschuld verloren, ihrer "unerträglichen Leichtigkeit", scheint sie nicht zu wissen, was ihr hier gelingt, was hier vorgeht, wie wir es selbst nur ahnen können. Noch sind ihr "die Augen der Nacht verschleiert", auch wenn sie weiß: "Nicht mehr lang und wir sind Gleiches und für immer getrennt." Noch ist sie nicht an den Ecken und Kanten, den Verzweiflungen der Jahre gescheitert. Noch blüht ihr die Liebe.
"Wie die späteste der Rosen in den Nebelgärten," Noch bleibt die Frage: woraus schöpft sie diese sprachlichen Schätze? Aus welchem Bewusstsein, welchem philosophischen Denkmuster kommen sie, wenn sie überhaupt aus einem "Muster" entstehen? Aus welcher Weltanschauung, welcher Erwartung, welcher Hoffnung?
Noch trägt sie "den Tag in den Palast".
"Als alte Frau werde ich bestimmt wie ein Kind sein."
Noch hat sie ihre unverbrauchte Art nicht verloren, schaut mit großen, leuchtenden Augen auf eine Welt und beschreibt sie - unbeschreiblich.
Wir dürfen gespannt sein, ob sie sich im nächsten Werk wieder ganz auf ihre ursprüngliche Lyrik besinnt, dürfen gespannt sein, wie sich dieses poetische Ausnahmetalent sprachlich weiterhin bewegt.




„Ausgelotet fiktive Briefe “
Marlies Eifert und Georg Grimm-Eifert AF
Wiesenburg Softcover 2004, ISBN 3937101160


Ein neues Buch des Autoren-Ehepaares Marlies Eifert und Georg Grimm-Eifert. Die Nähe zu "Echolot" von Kempowski wird sinngemäß angedeutet. Es handelt sich um ein Buch mit Briefen. In der Vorbemerkung wird erklärt, dass es sich um "fiktive Rollen" handelt, die Schreiber und Empfänger einnehmen. Kempowski ist ein Sammler von alten Briefen, Erinnerungen, hat in „Echolot“ ein sprachliches Patchwork der Vergangenheit geschaffen. Hier ist von "fiktiven Briefen" die Rede, die von den Autoren "ausgedacht" wurden. Also keine Darstellung der Wirklichkeit? Der Jahre in Briefen, der Nachkriegsjahre bis in die heutige Zeit in Briefen die wirklich geschrieben wurden. Nein, hier werden nicht Briefe aus einer Bevölkerung angefordert, gesammelt und entsprechend verarbeitet, hier wird eine völlig neue Ebene geschaffen.

In einer entschlüsselten Sprache, die leicht und angenehm fließt, wird uns ein Panorama über die Epochen und die Geschichte geliefert, das aber stets die Frage offen lässt, ob es "wirklich" war, "wirklich" ist.
Unterschiedliche Themen werden aufgegriffen: Aus den Vorbemerkungen: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen..."(„Faust1“ Goethe). Hier hatte der alte Goethe mal wieder Recht.

Unterschiedliche Briefpartner werden von beiden Autoren angeführt und mit Themen gefüttert: Krieg, Geschichte bis hin zu den Problemen eines Zivis mit den Alten in einem Heim. Was zuletzt wirklich fiktiv ist, kann erahnt werden, inhaltlich kann kaum an der Wirklichkeit gezweifelt werden, sei es bei Informationen zur "Kuba-Krise!"oder der Zerbombung Darmstadts, der Beschreibung der Duftmarken von Katzen oder Katern, die sich weit durch das Buch ziehen. Die Jahre, die „Fünfziger“ und die „Sechziger“ und die „Siebziger“ bis zu den "Achtundsechzigern" und darüber hinaus.

Ob es um persönliche Werdegänge geht, um Entwicklungsprozesse, geschichtlich oder persönlich, individuell oder gesellschaftlich. Ob es um die Kunst geht, die Wanderung durch das Museum der Zeit, um Thomas Mann oder Adorno, um Kusenberg oder Arno Schmidt, Gerhard Hauptmann oder Marlies Eifert. Es wird geschrieben: "so weit ich mich erinnere in 'Headline' etwas gelesen, was genau passt." Da hat eine Marlies Eifert einen fiktiven Brief verfasst. Hier ist ein Abzug davon.(Seite 64) Die Autorin tritt selbst namentlich auf. Allerdings nicht als Autorin des Buches, sondern als fremde Person, eher zufällig genannt. Während es diese „Marlies Eifert“ in Wirklichkeit gibt, wie wir wissen. Es kann in "Headline" in Wirklichkeit nachgelesen werden. Oder in dem Buch aus dem "Geest Verlag", den es wirklich gibt, wie wir wissen, wie die Anthologie über Schlüssel und Schlüssel geschichten, die eindeutig nachgewiesen werden kann und also "wirklich" ist.

Jedenfalls wird gespielt, das ist unverkennbar. Mit Namen und Rollen, Schlüsseln, wird eine spielerische Ebene geschaffen, die zwischen den Jahren und Ebenen der Wirklichkeit schwankt, die verwendet, was sich ergeben hat, fiktiv oder nicht. Sind die Ansprechpartner fiktiv? Oder gibt es im wirklichen Dasein eine "Frau Strattfurt"? Das ist ein Reiz an diesem Buch, diese Schlüssel zu entschlüsseln, die Frage zu beantworten: Was ist fiktiv oder wirklich? Oder: „Haben oder Sein“? von E. Fromm Seite 102). Hier wird für die „Seinsseite“ plädiert.

Auf der anderen Seite: kein revolutionäres Buch, kein Buch, das grundsätzliche neue Wirklichkeiten schafft oder schaffen will. Ein ruhiges Buch. Es geht nicht um "Spannung", geht nicht um „Sex and Crime“. Es gibt keine Schlüsselloch-Peepshow”. Voyeuristen werden nicht befriedigt. Leser, die es auf den besonderen Kick, auf Show-Downs und Blutspritzer, Adrenalinspritzen abgesehen haben, werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Wer Symbole sehen will, geheimnisvolle Krämerei, wird hier nichts finden.

Und also müssen wir uns fragen, ob es stets "Kicks, Sex and Drugs and Rock and Roll" sein muss, womöglich mit ordentlichen Metaphern und Symbolen? Hier geht es nicht um "Bier" – "Social-beat", bleibt alles im Rahmen, werden wir nicht grundsätzlich auf unserem sonntäglichen Spaziergang gestört. Hier wird deutlich, dass ein Paar gut zusammenarbeiten kann. Auch dies ist bereits ein hoher Wert in dieser Zeit. Es wird deutlich, dass etwas funktioniert,dass es geht, über die Jahre und Jahrzehnte hinweg.

"Und mein Kopf dröhnt auch. Wo habe ich nur mein Aspirin?"
(Seite 106) Das Buch macht keine grundsätzlichen Kopfschmerzen, ist angenehm zu lesen, fließt wie ein ruhiger Fluss über die Epochen, die Themen, muss insgesamt nicht in universitären Veranstaltungen "entschlüsselt"
werden, weil es im Grunde keine Verschlüsselung liefern will.

Ich denke insgesamt: ein gelungener Versuch, die Jahre und Jahrzehnte, die Geschichte und die individuellen Eindrücke auf eine Ebene zu bringen. Rückblenden, Einschübe, fiktive Briefe: Gedichte, Schlüssel,"Thomas Mann-Landschaft". Wir lernen niemals aus. Sollten stets auf die Eindrücke, Gedankenwelten, Erfahrungen, Rückblenden der anderen bauen und darauf unser eigenes Gebäude stützen. Eifert, Grimm-Eifert bieten uns das Gerüst,bieten uns Erfahrungen, Sichtweisen, Schreibweisen, Briefe. Bieten uns eine unaufgeregte Art der Anschauung. Eine abgeklärte Form der Betrachtung.

"Es ist die Krankheit, die den Menschen verändert" (Seite 116 - Zitiert aus Max Frisch - Homo Faber). Ich denke, dass wir auch bei der Lektüre dieses Buches nicht unverändert zurück bleiben und spüren, worum es geht.
Copyright (C) 2005 by Norbert Sternmut



„Glockengeläut “
Ralf Harner-Hanel
Schauspiel in 3 Bildern und 5 Szenen.
Nach Motiven der gleichnamigen Erzählung von Robert Aickman.


48 Seiten, Französische Broschur 14.-DM
ISBN 3-924944-33-4
Verlag Edition Thaleia, Postfach 100808
66008 Saarbrücken, Telefax 0681-54775


Glockengeläut. Das Schauspiel kommt auch ohne zahlreiche Personen aus.
Apoll, 62 Jahre. Hanna, seine Frau, 28 Jahre.
Ein Kapitän, ein Gast...die Glocken. Hanna: Seltsam.
Apoll: Sehr seltsam. Ein kleines Schauspiel, das in die Tiefe
wandert, wo es seltsam wird. Erst leise klingend, dann lauter
bricht die Furcht vor dem Unverständlichen hervor, wird in den Alltag einer Hochzeitsreise ein Glockengeläut gesetzt,
das uns geheimnisvoll vorantreibt.
Nicht viel Handlung, keine ausufernde Umschreibung, keine
weitschweifenden Bilder. Der Ort bleibt beschränkt. Diese Glocken... sie sind nur zu hören. Nicht zu beschreiben.
Sind keine Glocken, werden leiser, klingen ab, werden lauter,
platzen herein, begleiten jeweils dieses Schauspiel.
Tiefe Glocken. Heller klingende Glocken. Setzen sich
über eine scheinbare Idylle. Panik will um sich greifen.
Glocken werden als Umschreibung der Spähre gesetzt, die über
das menschliche Verständnis hinausgeht. Kirchenglocken?
Hanna: "Eigentlich mag ich Kirchenglocken."
Vielleicht. Die uns seit jeher begleiten. Wo der Nebel der
menschlichen Existenz wuchert. Wo die Grenze des Verstandes,
der Wissenschaft, der menschlichen Formel einsetzt.
Hier wieder verwendet als Umschreibung. Als Vorstellung
des Unvorstellbaren. Wie Wunder eingeläutet werden.
"Begleitmusik", die nicht zu erklären ist.
Der "Kapitän" bringt Aussagen ins Spiel, scheint um die Glocken
zu wissen, bespricht sie mit "metaphorischer Brillanz."
"Sie läuten, um die Toten aufzuwecken!"
Also eine Auferstehung der Toten.
"Fragt sich nur, wozu?"
Um eine "auf hochglanz polierte Welt" aufzurütteln?
Eine Auferstehung des Todesbewußtseins, um eine Sensibilität
um die Vergänglichkeit zu schaffen.

Apoll: "Ich soll also fliehen." Ist hier eine Flucht möglich?
Fragen bleiben. Es gibt keine genaue Beschreibung. Es bleibt das Gefühl, das sich jeder selbst macht. Jeder wird die Glocken im Stück anders hören.
Keiner wird sie klar deuten können. Es bleiben die Glocken, die den Tod einläuten. Die Glocken, die den Tod aus den Gräbern rufen.
Horror. In Form von klapprigen Skeletten?
Aus den Videotheken werden wir mit dem Horror menschlicher
Vorstellung bepackt. "Die Toten sind erwacht!"
Hanna tanzt mit ihnen. Irgendwann verstummt auch die letzte
Glocke.
Es wird nicht genügen. Ein "Glockengeläut"
stellt sich darüber, wie sich die Kirche darüber stellen
will. Die letztendliche Möglichkeit das "Glockengeläut"
zu entziffern werden wir nicht haben. Wir müssen uns mit dem
Schauspiel von Ralf Harner-Hanel abgeben und hören uns gerne
sein "Probeläuten" an, solange es geht.




"Neuntöter"
von Daniela Wegert

ISBN: 978-3934625143

Handlanger für Hitchcock, 7. Januar 2004

Der Beginn des Buches mag inhaltlich an Süskind`s "Das Parfüm"
erinnern (Schilderung des Protagonisten Pierre als "Das Balg"
mit späterer Ausprägung besonderer Fähigkeiten...)
wie die Autorin sicherlich auch von Hitchcock ("Die Vögel" / "Psycho") beeinflusst war - insgesamt in der Beschreibung der phantastischen Horrorszenen - vor allem am Ende - auch von Stephen King - was allerdings nicht negativ zu bewerten ist. Wichtiger ist, dass bereits dieser Debütroman von Wegert eine eigene Sprache spricht, in klaren, kurzen, prägnanten Sätzen eine Geschichte vorantreibt, die sich zwischen Traum und Wirklichkeit verfangen soll und verfängt. Was geschah? Welche Rolle spielen die "Neuntöter" (Vogelgattung der Würger, die ihre lebende Beute bei Nahrungsüberfluss auf Dornen spießen, um später vom Vorrat zu zehren - bzw. zur Brautwerbung.)
Welche Rolle spielt dieser Pierre, der nur mit neun Zehen zur
Welt kam, von der Mutter kaum beachtet aufwuchs, kaum geduldet, der gerade dadurch besondere Fähigkeiten entwickelte,
(Er kann sich Vogelstimmen, die er hört sofort einprägen und in einer "Bibliothek der Geräusche" speichern.)
der eher ein Freund der Vögel als der Menschen war.
Was hatte es mit dem "zweiten Ich" des Protagonisten auf sich (Psycho?) Was mit der Zahl Neun?

Die Stärke der Geschichte liegt im Spannungsaufbau zwischen Fiktion und Wirklichkeit - zumal als die ersten Morde geschehen (an der Mutter Pierres, einer Hure, dann an einem "Bullen", einem Kollegen des ermittelden Inspektors Karl Kryo). Der Mörder spießte seine Opfer auf (wie Würmer). Zudem wurde jeweils eine Feder eines Neuntöters im Mund der Opfer gefunden. Was hatte dies zu bedeuten? Waren es Vögel, die unter mysteriösen Umständen, womöglich unter Anleitung des kleinen Pierres zu Mördern wurden? War es höhere Gewalt?
Weshalb geschahen die Morde? Weshalb wurden bei zwei Leichen keine Vogelfedern in den Mündern der Opfer gefunden?
Zum Ende, als weitere Morde geschehen wird der mysteriöse Horror auf die Spitze getrieben, wird es wahnsinnig spannend, phantastisch grauenvoll, zeigt sich die ganze Phantasie der Autorin, die geradezu Flügel bekommt, die ganze Meisterschaft in der Beschreibung der Horrorszenen, die wahrlich unter die Haut gehen.
Das Buch ist insgesamt bis ins kleinste Detail konstruiert, intelligent angelegt und brillant beschrieben.
Letzendlich hat es die Autorin geschafft, den Leser spannend in eine Geschichte zu spannen, wo nichts sicher ist, jeweils neu die alten denkmuster hinterfragt werden müssen, jeweils neu die alten Gewohnheiten nicht mehr ausreichend erscheinen. So müssen wir uns selbst fragen, ob wir nicht den Fehler machen, das Unscheinbare zu verachten, ob wir insgesamt nicht auf der falschen Fährte sind. Diese Frage stellt der Roman. Nach diesem Erstlingswerk von Daniela Wegert dürfen wir gespannt sein, welche Fragen uns die Autorin noch stellt und darüber hinaus:
welche Antworten sie gibt.