Sternmut Literatur
"Ein guter Schriftsteller ist Psychologe und Philosoph und weiß, dass er sich im Grunde selbst nicht kennt..."

Sie sind leidenschaftlicher Schriftsteller. Wie kam es dazu, gab es da einen bestimmten Schlüsselmoment oder wie hat sich das ergeben?
Der Schlüsselmoment war sicherlich, wie oft in der Literatur beobachtet, ein Gefühl der Ausgrenzung, Hilflosigkeit, der Einsamkeit, bereits früh in der Kindheit, bis sich langsam die Form des Niederschreibens als Möglichkeit des Umgangs daraus ergab. Wie meist findet der Zugang zum Schreiben durchaus über ein Gefühl des Mangels, des Unverstandenseins usw. statt. Ich beobachte dieses „Schlüsselmoment“ sehr oft bei den jungen Autoren, die sich in meiner Literaturgruppe „Sternmut-Literatur-Bunt“ vorstellen, wie letztendlich viele Künstler, Schriftsteller von Mangelerlebnissen, Heimatlosigkeit, seelischer Unzufriedenheit in der Kindheit und Jugend berichten, wie es letztendlich nur aus einem Spannungsbogen heraus in die Literatur als Schriftsteller mündet, meinetwegen einer Spannung zwischen Selbstbild und Idealbild, Wunsch und Wirklichkeit.

Was macht für Sie den besonderen Reiz und die Faszination am Schreiben aus?
Schreiben ist eine Möglichkeit zur Darstellung über den Augenblick hinaus, natürlich eine Art sich zu zeigen, wie auch immer, autobiographisch, verschlüsselt, metaphorisch, wie auch immer, eine Art, einen Zugang zur Existenz zu suchen, eine Art sich zu entwickeln, eine Art, diese oder jene Art an andere zu übermitteln, eine Art, seine Wunden, Freuden, Sehnsüchte, Verletzungen, Hoffnungen zu zeigen, sich vielleicht sogar über den Tod hinaus zu zeigen, eine Art, seine Geistigkeit zu fixieren, das eigene Ego, in all seiner Verzweiflung, Suche, Vergänglichkeit, eine Art Toleranz zu fordern, Auseinandersetzung, eine Art, Bewusstsein zu schaffen, soweit es überhaupt möglich ist.

Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Schriftsteller aus?
Ein guter Schriftsteller ist aus meiner Sicht erstens: ein Schriftsteller, der „sein Ding macht“ und zunächst keinem anderen Willen unterworfen ist, als sich selbst, der nicht vordergründig nach Ruhm und Preis und Stipendium trachtet, sondern schreibt, was er zu schreiben hat, weil er es schreiben muss! Ein guter Schriftsteller fragt nur nach sich selbst und seiner Position zu dem, was er sieht, empfindet, reflektiert. Ein guter Schriftsteller glaubt nie ein guter Schriftsteller zu sein, hinterfragt sich täglich neu, ist stets unterwandert vom Selbstzweifel, hat darüber hinaus aber eine stabile Psyche, weil er aus seinem Bewusstsein heraus ertragen muss, was anderen nicht zu Bewusstsein kommt.
Ein guter Schriftsteller schafft Bewusstsein, wo Gesellschaft bewusstlos gehalten wird, Toleranz, wo Intoleranz herrscht, baut Brücken, wo bisher keine waren, geht voran, wo andere längst der Mut verlassen hat, bleibt bei sich selbst und weiß um die Zerbrechlichkeit dieser ganzen Vorstellung.
Ein guter Schriftsteller weiß um Krankheit und Tod und Einsamkeit und Verletzlichkeit und er weiß um die Sehnsüchte der Menschen, auch um deren Schwächen, all die Versuche, von Mensch zu Menschheit, sich eine Vorstellung eines Daseins zu schaffen, das einigermaßen erträglich ist. Ein guter Schriftsteller ist Psychologe und Philosoph und weiß, dass er sich im Grunde selbst nicht kennt, versucht den Weg der eigenen Erkenntnis weiter zu gehen, auch wenn er weiß, wie absurd es ist und er bewegt sich trotzdem, in Worten, Tag für Tag, gibt nicht aus und sagt, es gibt keinen Grund, den Mut zu verlieren, weil es keinen Grund gibt.

Wie entstehen Ihre Werke eigentlich und wie viel Arbeit steckt dahinter?
Meine Werke entstehen im Laufe eines menschlichen Daseins. Ein Buch nach dem anderen, chronologisch geordnet. Ob es viel oder wenig Arbeit ist, weiß ich nicht. Ich kann nur dem folgen, was ich scheinbar tun muss. Ich habe immerhin den Eindruck, dass ich mir keinen einfachen Weg gewählt habe, wobei ich es mir eben scheinbar nicht selbst herausgesucht habe. Es ist eine Art „Triebwerk“, wie ein Titel lautet, der mich treibt, auch dahin, meine unbewussten Anteile zu entschlüsseln und wenn möglich ruhig zu sterben.
Meine Werke entstehen auf alle Fälle aus dem Gefühl der Todesnähe einer Krebserkrankung in jugendlichen Jahren, die mich sicherlich sehr geprägt hat, die mir täglich bewusst macht, wie sterblich ich bin, wie viel Zeit womöglich noch bleibt um dieses und jenes zu sagen.
Meine Werke entstehen aus dem Gefühl der Kindheit, der Krankheit.

Haben Sie abschließend noch Tipps und Hinweise für all diejenigen, die gerade die Welt des Schreibens für sich entdecken? Wie und wo sollte man da den richtigen Einstieg suchen?
Ich fördere und fordere monatlich junge Schreibtalente in Workshops oder der Gruppe „Sternmut-Literatur-Bunt“. Schreiben heißt sich bewusst werden, Bewusstsein schaffen, über sich und die anderen, über uns, die Menschheit, den Zusammenhang, heißt auch neue inneren Welten zu entdecken, die uns bisher verborgen waren. Es heißt auch sich zu konfrontieren mit den Mechanismen, den Zusammenhängen, erst einmal mit sich selbst, soweit es geht, im Prozess. Es ist Geduld gefordert, wenn ein Werk entstehen soll. Das sage ich den jungen Autoren und Autorinnen, Geduld und Zähigkeit und viel Frustrationstoleranz. Wichtig ist, sich als Künstler, als Schriftsteller zu finden und möglichst keine Marionette von irgendwelchen Systemen zu sein, sich selbst zu finden und wie gesagt sein „eigenes Ding“ zu machen. Letztendlich muss sich jeder Mensch, wie jeder Autor, jede Autorin selbst suchen, möglichst, soweit wie möglich, selbst finden.

Interview von Hobbymap.de, 08.02.2011
http://hobbymap.de/hobbys/kunst-kreativitaet/literatur-und-poetik/schreiben/norbert-sternmut-schreiben-ein-guter-schriftsteller-ist-psychologe-und-philosoph-und-weiss-dass-er-sich-im-grunde-selbst-nicht-kennt