Sternmut Literatur

Buchwurm Info, Onlinemagazin
www.buchwurm.info
06.05.2011

Interview von Michael Matzer (michael@matzer.de) mit Norbert Sternmut (norbert-sternmut@freenet.de)

Frage 1:

Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie? Was machen Sie gerade?

 

Es geht mir gut, zumal ich mit meinen Projekten weiterhin gut voran komme und aktuell mit „Wildwechselzeit“ und „Spiegelschrift“ zwei neue Bücher vorstellen kann.

 

Also bin ich, weiterhin vor Ort im äußerlich idyllischen Pflugfelden, schreibe mich hin, versuche in meinen Projekten auch Kunst und soziale Arbeit zu verbinden, wie ich seit 2009 die monatliche Veranstaltungsreihe „Sternmut-Literatur-Bunt“ betreue, moderiere, gestalte.

Gerade war in diesem Zusammenhang am 05.05.2011 die Vorstellung der zwei genannten Bücher, des Prosabandes „Wildwechselzeit“, Wiesenburg-Verlag, Schweinfurt, und des Lyrikbandes „Spiegelschrift“, Pop-Verlag, Ludwigsburg.
Momentan verschicke ich Rezensions-exemplare, werde beide Bücher auf weiteren Lesungen vorstellen, wie sie bereits auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurden, arbeite darüber hinaus am Buchprojekt für 2012, einem Lyrikband und an einem nun „wirklich“ autobiographischen Buch, das für 2013 geplant ist.

 

Frage 2:

Ich habe die ersten Seiten Ihres neuen Romans „Wildwechselzeit“ gelesen und muss gestehen, verwirrt zu sein. Ständig wird Christoph Schlingensief zitiert, als gehöre er zur Geschichte des ICH- Erzählers – der möglicher-, aber nicht notwendigerweise Sie sind. Was hatten Sie mit diesem Roman vor?

 

Erstens, ich würde das Buch nicht „Roman“ nennen. Es ist ein Prosaband, der in Form eines Tagebuchs strukturiert ist, der weiterhin eine innere Struktur über den Zusammenhang einer psychoanalytischen Therapie erhält, in der sich der Protagonist scheinbar befindet.
Inspiriert wurde das Buch tatsächlich vom Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ von Christoph Schlingensief, der darin seine Krebserkrankung schildert, ebenfalls in Form eines Tagebuchs. Bekannt ist, dass ich selbst meine Krebserkrankung bereits im Alter von 20 Jahren hatte. Die Art und Weise, wie Schlingensief das Thema Tod und Krankheit behandelte hat mich inspiriert, hat mich persönlich beschäftigt, wie er auf Joseph Beuys zurück gehend den Weg zu einer absoluten Offenheit und Transparenz ging oder gehen wollte. Dass auch bei Sternmut stets die Thematik der Krankheit, des Todes, der Vergänglichkeit im Vordergrund steht ist nun nicht neu.
Auch „Wildwechselzeit“ handelt davon eine Art Transparenz zu fordern, eine Ehrlichkeit auch sich selbst gegenüber, bei allen Zweifeln, Disharmonien, die uns das Dasein bringt, gehört doch der Zweifel dazu, bis hin zur Verzweiflung, die Krankheit, dies wollte ich in diesem Prosaband aufzeigen.

 

Frage 3:

Sind andere Leser ebenso verwirrt wie ich? Wie erklären Sie sich das?

 

Jeder, der das Buch liest oder gelesen hat, ist scheinbar „verwirrt“. Die Reaktionen sind stark emotional, sehr polarisierend, von "genial" und der Aussage "Das Beste, das Sternmut jemals schrieb" bis zu gefühltem Entsetzen und entsprechenden Aussagen, die das Buch "peinlich, verstörend, frauenfeindlich" usw. finden. Die Reaktionen kommen von absoluter Ablehnung bis zu großer Zustimmung. Keiner gab bisher an, dass das Buch nichts mit ihm gemacht habe. Es wird von "Tabubruch" gesprochen, auch von der Verwirrung, von der Sie sprechen. Ist das Buch nun autobiographisch oder nicht? Ist "Norbert", der Protagonist, nun der Autor Norbert Sternmut oder ist er es nicht, wird hier eine Geschichte aus der Distanz beschrieben, die wir auch distanziert konsumieren können, oder ist es „Wirklichkeit“, was hier beschrieben wird? Im einführenden Text wird davon gesprochen, dass es keine Autobiographie ist, wobei auch hier das alte Sternmut-Thema, was ist "wirklich" oder "unwirklich", aufgegriffen wird, wie in anderen Sternmut-Büchern auch, wobei hier die Grenzen scheinbar vollkommen unklar werden, unklar sind, weil der Protagonist nicht mehr "Norman" heißt, wie im Roman "Norman" sondern "Norbert". Ich denke, daher die grundsätzliche Verwirrung.
Darüber hinaus kommt die Verwirrung natürlich aus den beschriebenen Inhalten.
Der Mensch als rein egoistisches Wesen, die Peitsche in der Küche der Mutter.
Jeder Leser hat sich bisher am „Mutterbild“ des Buches abgearbeitet, einmal, wie gesagt mit Zustimmung, dann aber in einer Art Verteidigungshaltung des Mutterbildes überhaupt, während hier, wie immer, eine individuelle Mutter beschrieben wird und es nicht die Absicht des Autors war, ein „Mutterbild“ zu zerstören. Überhaupt war es nicht die Absicht zu provozieren, wie vermutet wurde, war es nicht die Absicht sozusagen strategisch für Unruhe zu sorgen, damit sich die Verkaufszahlen des Buches erhöhen.
Dass sich die Verkaufszahlen des Buches erhöhen, gut, das ist für mich der positive Aspekt der Auseinandersetzung. „Norman“, der Roman von 2008, wo der Protagonist „wirklich“ ein Frauenfeind und dazu ein Mörder war, dieser Roman hat sich schlecht verkauft.
„Wildwechselzeit“ wird sich gut verkaufen und wenn sich jeder darüber aufregt und das Buch „peinlich“ findet. Immerhin, an die Verkaufszahlen von „Feuchtgebiete“ kommt es nicht ran.
Aber es zeigen sich die Zusammenhänge von Verkauf und Empörung. Mein Verleger kann zufrieden sein.

 

Frage 4:

Die Verwirrung beruht auf der Uneindeutigkeit der Erzählsituation: Ist der Erzähler identisch mit dem Autor oder nur eine Art lyrisches Ich?

 

Ja, darauf beruht scheinbar die Grundverwirrung.

Als würde der Autor, bzw. der Protagonist eine unausgesprochene Regel verletzen. Als würde er ein Tabu brechen, würde er etwas tun, was nicht sein darf. Ist der „Norbert“, der in den Zitaten von Schlingensief auftaucht, nun der Autor, ist es der Autor, der damals von seiner Mutter ausgepeitscht wurde, gab es „wirklich“ eine Therapie, ist alles nur erfunden, spielt der Autor möglicherweise mit sich selbst und dem Leser?

Und wenn er es macht, dann darf er das scheinbar nicht auf dieser Ebene!

Und wenn nun gesagt wird, der Protagonist ist „frauenfeindlich“ und damit wahrscheinlich  der Autor, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie ich als, was immerhin sicher ist, als Autor,  was ich dazu sagen soll.

Ich vermute, der Band enthält einige Ehrlichkeit, die selten „leicht verdaulich“ ist.

Also regt der Band scheinbar auf, aber vielleicht auch an.

 

Übrigens sehe ich hier einen Zusammenhang mit Schlingensief, der auch mit einer großen Ehrlichkeit und fast kindlicher Aufrichtigkeit in seine Projekte gegangen ist.

Aktuell wurde ich mit Michel Houellebecq verglichen, ehrlich gesagt ich kenne den Mann nicht, mein Verleger kennt ihn, hat mit ihm gesprochen, sagt, dass es wohl Übereinstimmungen gibt, während ich daneben stehe und „wirklich“ keine Ahnung habe.

Eine Zeitschrift schrieb, ich sollte einmal einen Roman vorlegen, der dadurch provoziert, dass er nicht in gewohnter Manier provoziert. Ich sage, ich verstehe das nicht, erinnere an Schlingensief, der stets davon sprach, dass er nicht provozieren wollte. Ich denke, wie auch immer „Wildwechselzeit“ bewegt die Gemüter bis zur Falschaussage, bis zur Verdrängung,  Empörung, Ablehnung. Es war jedenfalls nicht geplant, strategisch, dass wir „Wildwechselzeit“ in die Welt setzen, um Verkaufszahlen zu erreichen.

 

Frage 5:

Sie haben auch den Gedichtband "Spiegelschrift" veröffentlicht. Was ist dessen Grundthema?

 

Auch hier, das wiederkehrende Thema seit „Sprachschatten“ 1989 die „Sprache hinter der Sprache“, weiter auch hier das leidende, liebende Individuum bis zur weiteren Zerrüttung der Außenwelt und der Innenwelt, der Sprache als einziger Heimat, um die Heimatlosigkeit in anderen Zusammenhängen, wie auch hier die weitere Beschäftigung mit der Psychoanalyse,
der Existenzphilosophie.
„Spiegelschrift“, denke ich, es ist ein typischer Sternmut-Lyrikband.
Natürlich geht es um „Sisyphos“, „Elfriede auf Erden“, aber eben auch um den „Schriftsetzer“ der ich ehemals werden wollte. Allerdings waren damals bereits zwei meiner Brüder Schriftsetzer, dass es nicht einen weiteren in der Familie geben sollte. So lernte ich damals Werkzeugmacher vor dem zweiten Bildungsweg, erkrankte, wie bekannt und wurde Künstler und Schriftsteller und Sozialpädagoge.
Jedenfalls stecken in „Spiegelschrift“ auch einige Anfänge meiner Sozialisation,
im Grundthema der Sprache, der Schrift, der Spiegelschrift, in den Zeiten des Bleisatzes, wo jeder Satz in „Spiegelschrift“ gesetzt wurde.

Dann natürlich das Thema des eigenen Spiegelbildes, was sehen wir, wenn wir uns betrachten, was denken wir von uns, welches Bild haben wir, wenn wir uns im Spiegel sehen?
Und das Scheitern, wenn wir uns „wirklich“ erkennen wollen, wie „Das Sagbare und das Unsagbare“ das uns die Wirklichkeit begrenzt. Im Grunde haben sich die Themen nicht verändert.

 

Frage 6:

Wie sehen ihre weiteren Planungen aus?

 

Ich werde arbeiten, schreiben, malen, bis ich es endlich nicht mehr machen werde. Der Inhalt wird stets wie bei Schlingensief weithin der eigene und der Tod der anderen sein. Wie viel Zeit ich noch habe Planungen zu entwerfen, Worte zu schreiben, Interviews zu geben, das weiß ich nicht, arbeite aber im Bewusstsein meiner eigenen Krebserkrankung, als ich 20 Jahre alt war und erstmals im Bewusstsein starb. Ich denke, das wird mein Thema bleiben. Grade starb ein guter Kollege, mit dem ich vor nicht langer Zeit noch einen regen Austausch über den Umgang mit der Erkrankung hatte, an Krebs. Wolfgang Fienhold. Er ging im Vergleich zu Schlingensief ganz anders mit dem Sterben um, erkrankte fast zeitgleich, gab sich aber ganz anders. Das beschäftigt mich, hier will ich wissen, wie ist es, wenn ich endlich selbst auf dem Sterbebett liege und woran denke? Wie fühlt sich die Angst an, nachdem ich bereits gestorben bin, damals, im Grunde, im Kopf, als junger Mann? Wie sterbe ich als älterer Mann, alter Mann? Wer weiß?
Wie ich seit langer Zeit vorgebe, werde ich keinen Suizid begehen, bin nicht Gunter Sachs, halte mich an Albert Camus, theoretisch, selbst wenn der Gedächtnisschwund wuchern sollte, und sich kaum noch ein Wort auf dem weißen Blatt einfinden will. Ich sage, dass wir uns nicht töten sollen, weil es absurd ist. Verstehe, wer kann. Hier bin ich weder Schopenhauer noch Walter Jens. Wenn, dann werde ich ein hirnloses Etwas, was ich jetzt auch bin, meinetwegen, weil ich es selbst so bestimme, weil ich es nicht anders will, also gilt bei mir weiterhin der Grundsatz: „Aufgeben gilt nicht!“
Weil wir es bestimmen können, weil wir sehen, wie es kommt.
Darüber werde ich weiter schreiben, malen, plane endlich mal wieder für den Herbst 2011 eine Ausstellung mit Radierungen, Ölbildern, Zeichnungen.

Es wird eine besondere Freude für mich sein, wenn ich mich mal wieder als Maler zeigen darf, zeigen kann, nachdem ich in den vergangenen Jahren von einem literarischen Projekt zum andern wechselte. Die soziale Arbeit gehört immer mit dazu, immerhin bin ich Künstler und Sozialarbeiter. Ich will sehen, wie ich mich über die soziale Brotarbeit noch mehr einbringen kann, um, wie auch immer, Mut zu machen, womöglich. Wohin auch immer.