Sternmut Literatur
Fragen von Michaela May INITIATIVE LITERATUR
Interview vom 21.11.2004

MM.: Herr Sternmut, sie haben ein neues Buch veröffentlicht?
SM: „88 Rätsel zur Unendlichkeit“. Ja, das ist nun wirklich ein gutes Projekt, eine wunderbare Zusammenarbeit mit funné und dem Verlag Wiesenburg gewesen, obwohl das Projektzunächst bei einem anderen Verlag erscheinen sollte, die Verlagsverträge waren unterschrieben, dann zurück und neuer Start und nun kommt das Buch in edler Aufmachung, farbig, in Leinen und so weiter, Natürlich ist es teuer, kostet 38 Euro, muss teuer sein, weil es wertvoll ist und also betrachtet werden muss. Wenn sie das Buch in Händen halten und lesen und betrachten werden, dann werden Sie verstehen, wovon ich spreche.

MM: Denken sie, dass es in dieser teueren Aufmachung in die Zeit passt, dass es genügend Konsumenten kaufen werden?
SM: Ob es passt oder ob es nicht passt, nun, mit solchen Fragen habe ich mich nie beschäftigt, werde es auch weiterhin nicht tun. Es ist gut, dass es solche Bücher gibt. Es wurde Energie gebündelt, Strategie und alle künstlerische Kreativität. Es wurden 200 Buchseiten gefüllt, mit Ausdauer, Arbeit, genial zum Kunstwerk. Es war ein Prozess und es ist ein wandelbarer Prozess entstanden, eine Arbeit, die sich beim Lesen verändert. Ich denke, eine wahrhaft gelungene Arbeit, die auch ihren Preis hat und haben muss. Es wurde viel investiert, der Verlag hat sich eingesetzt, viele Mitarbeiter haben sich eingesetzt, funné hat sich eingesetzt, so ist ein Werk entstanden, das seinen Preis verdient und mehr darüber hinaus. Ob es gekauft wird? Ich hoffe, wir werden es noch erleben.

MM: Was meinen sie?
SM: Ich versuche, eine gute Arbeit zu liefern. Literarisch. In der Zusammenarbeit. Wie gesagt, die Zusammenarbeit mit funné (Volker Funke) war hier wirklich künstlerisch und genussreich für mich. Eine gute Begegnung. So ist das Werk entstanden, ein stimmiges, rundes, perfektes Werk mit Grafik und Lyrik. Was darüber hinaus mit uns geschieht, gut, wir versuchen es vorab in Worte zu fassen, versuchen eine Erklärung zu finden und müssen uns doch den Gesetzen fügen, die natürlich auch für Literaten und Künstler gelten, dem natürlichen Gravitationsgesetz.


MM: Sie arbeiten weiterhin als Sozialpädagoge?
SM: Das ist richtig. Eigentlich war es auch so geplant, da ich meinen Beruf als Sozialpädagoge auch gerne ausführe. Inzwischen haben sich leider die Bedingungen weitgehend verschlechtert, wie bekanntlich überall auf dem Arbeitsmarkt, und also kann einem die grundsätzliche Freude am Beruf schon manchmal genommen sein. Es gibt keine „Spielräume“ mehr. Mancher pädagogischer Inhalt zählt nicht mehr. Es zählt das Geld, zumeist, das fehlende Geld. Es wird Druck ausgeübt. Ich denke, durchaus, eine schwierige Zeit.

MM: Sie arbeiten in einem Bildungswerk?
SM: Einem Bildungszentrum. Ich betreue Auszubildende, die eine besondere, sozialpädagogische Betreuung benötigen.

MM: Was meinen sie mit Verschlechterung der Bedingungen?
SM: Ich meine, der Druck des Arbeitgebers auf die Beschäftigten ist erhöht. Das ist hier nicht anders als in anderen Betrieben. Mit Lohnkürzungen wird gedroht, das Weihnachtsgeld wird gestrichen. Gleichzeitig wird die Arbeit auf weniger Mitarbeiter verteilt, heißt, auf den einzelnen kommt insgesamt mehr Arbeit. Es wird also nicht nur der Druck auf Arbeitslose erhöht, auch auf die Arbeitshabenden lastet inzwischen enormer Druck.

MM: Sie sehen es problematisch?
SM: Durchaus. Es scheint ein Kreislauf im Gange, der sich durchaus als circulus vitiosus herausstellen könnte.

MM: Es herrscht Unzufriedenheit?
SM: Würde ich weithin sagen. Ich habe in meinen Augen, in meinen Sinnen die mich umgebende Gesellschaft lange nicht so unzufrieden erlebt. Die Verunsicherung ist groß, durchaus auch die Angst. Es wird bekanntlich weniger konsumiert, was die Wirtschaft nicht in Gang bringt. Wahrlich, ich bin nun kein Wirtschaftswissenschaftler, sehe nur, was in meinen Bereichen geschieht. Es herrscht kein Mut mehr, kein positives Denken, dies auf allen Ebenen, die ich sehen kann. Es herrscht Angst und Verzagtheit. Es herrscht Verunsicherung und Zurückhaltung. Dieses Verhalten kann uns insgesamt nicht nach vorne bringen.

MM: Auf allen Ebenen?
SM: Unter den Arbeitnehmern. Klar. Aber ich denke auch unter den Arbeitgebern. Ich sehe auch die Vorgesetzten und die Vorgesetzten der Vorgesetzten verunsichert. Ich sehe keinen Unterschied, sehe, dass es daran fehlt, durchaus auch mal wieder ein riskantes Verhalten zu zeigen. Wir leiden an mangelndem Mut! Sicherlich auch an widrigen Umständen, aber auch an mangelndem Mut. Beides müssen wir überwinden.

MM: Hier sind sie teilnehmendes Mitglied und beschreiben nicht nur aus der Distanz?
SM: Sozusagen. Ich kann mich leider nicht ausschließlich in eine distanzierte Haltung begeben, was ich durchaus gerne tun würde, aber es gelingt mir weiterhin finanziell nicht. Ich sehe durchaus die Zusammenhänge. Es fehlt am Willen, die Zukunft zu gestalten. Dies sehe ich vor Ort, in meinem eigenem Zusammenhang. Wir müssen wieder mehr Verantwortung für ein Risiko übernehmen, das uns in die Zukunft führt. Nur mit abwartender, zurückhaltender Haltung ist nichts gewonnen. Wir müssen unsere Mentalität ändern. Unsere Einstellung. Sonst werden wir zu den Verlieren des globalen Wettbewerbs gehören. Hier sind alle gefordert, Arbeitnehmer, Gewerkschafter wie Arbeitgeber. Ich sehe zuviel Verzagtheit, zuviel Unbeweglichkeit, zuviel Angst. Die offene Innovation, die wichtige Kreativität ist unterdrückt.


MM: Sie können nicht von ihrer Literatur leben.
SM: Nein. Aber ich sehe die Literatur nicht abgekoppelt vom politischen Leben, auch wenn mir diese Denkweise durchaus unterstellt wurde.

MM: Sind sie gewerkschaftlich aktiv.
SM: Ich bin aktiv. Mitglied bei verdi, im Verband deutscher Schriftsteller, sehe es aber nicht als Lösung, irgendwo Mitglied zu sein. Es ist schwer geworden, überhaupt einigermaßen zu bestehen. Die sozialen Fragen brennen, die Armut wächst. Gleichzeitig werden die Menschen innerhalb der Gesellschaft psychologisch immer kleiner gemacht. Das kann für eine Gesellschaft nicht gut sein, wie gesagt, wenn das sogenannte Selbstbewusstsein sinkt, psychologisch gesehen, sinkt die Gesellschaft.

MM: Sie haben auch keine Lösung?
SM: Ich sage: wir müssen wieder aktiv werden, auch mal wieder ein Risiko tragen, müssen mal wieder offen eine Meinung sagen, auch wenn sie anderen nicht gefällt. Wir müssen damit sein, dass es keine grundsätzliche Sicherheit gibt, verstehen sie?
[Infos zu „88 Rätsel zur Unendlichkeit“
www.88rue.de]



Müssen uns auf den Wandel einlassen, manchmal auf die Niederlage. Dann müssen wir daraus lernen und besser werden als zuvor. Nur mit dem Gedanken an Sicherheit kommen wir nicht weiter. Das galt schon immer für die Kultur, die Literatur, es gilt zuletzt für alle Bereiche. Es ist Flexibilität gefragt und durchaus eine gehörige Portion Willenskraft.

MM: Sie schreiben weiterhin, haben also die Hoffnung nicht völlig aufgegeben.
SM: Nun, ich würde meinem Namen nicht unbedingt alle Ehre machen, wenn ich die Hoffnung oder den Mut aufgeben würde. Das werde ich nicht tun, habe ich nie getan. Wir sollten auch insgesamt die Hoffnung und den Mut nicht aufgeben. Auch wenn die Zeiten noch so hart sind und manchmal die Verzweiflung eher scheint als die Freude am Dasein. Es wird entscheidend sein, dass wir uns selbst Mut machen, dass wir uns nicht schlechter machen, als wir sind. Kein Mensch ist nur eine Nummer, eine betriebswirtschaftliche Komponente. Wir sollten uns wieder auf unsere Menschlichkeit besinnen, auf unsere Stärken und nicht alles übernehmen, was uns vorgegeben wird.

MM: Ihr Gefühl als Lyriker? Nochmals, gesellschaftspolitisch?
SM: Wie gesagt. Die Rädchen, die nun greifen, die Druck oder Missachtung des Menschen zur Folge haben, die nicht mehr wertschätzen, was Menschen leisten, in den Betrieben, die nicht mehr stützen, wenn jemand arbeitslos wird, wie es stets vorkommen kann, sagen wir – unverschuldet. Wenn uns die Rädchen eher angreifen als unterstützen, dann macht das keinen Sinn mehr gesellschaftspolitisch. Wir nagen an uns selbst. Wir kürzen uns selbst hinweg. Ich denke, das kann keine Lösung sein. Wir sollten uns auf unsere Stärken besinnen und wieder beginnen, zusammen zu arbeiten, zu sein. Aber fragen sie mich lieber nach der Literatur. Es wird von mir behauptet, dass ich auf gesellschaftspolitische Fragen keine Antwort gebe und im Grunde möchte ich dies auch weiterhin so halten.

MM: Sie lieben die Schubladen nicht?
SM: Ja, doch die Schubladen sind scheinbar wichtig und wertvoll. Die Vorstellungen und Meinungen. Ich kann mich nicht gegen die Meinungen wehren, die mich beurteilen. Ich denke manchmal, es ist grauenhaft, welche Vorstellungen sich ergeben mögen, die möglicherweise stimmen oder auch nicht stimmen, die sich aber möglicherweise ergeben, im Albtraum, im Alptraum? In Massen, aus einer Allgemeinheit heraus, wo wir bereits einmal waren, schleichend erst, dann lauter, plötzlich trägt man ein Zeichen und einen Stempel.


MM: Ihr Vertrauen in den Menschen ist nicht sehr groß?
SM: Das kommt auf den Menschen an.

MM: Gut. Wie sehen ihre Pläne aus?
SM: Im Frühjahr 2005 wird „Triebwerk“ im Verlag Thaleia erscheinen. Ein neuer Sternmut Lyrikband, der mich etwas zu meiner celanschen Wurzel zurück führt. Auch hier geht es wieder einmal um Leidenschaft, Eros und ich denke, es wird ein gutes Buch, noch einmal ein Sternmut im „Triebwerk“.

MM: Noch einmal? Denken Sie daran, dass es irgendwann den letzten Band, das letzte Sternmut Buch geben wird.
SM: Nun, für mich ist jeder Band der letzte Band. Das war immer so, wird hoffentlich noch einige Zeit so bleiben. Jedes Buch wird unter dem Grundsatz geschrieben, dass es das letzte Buch ist. Es sind alles „letzte Bücher“ Anders könnte ich überhaupt nicht schreiben.

MM: Für welches Jahr planen sie ihr tatsächlich letztes Buch?
SM: Nun, wie gesagt, ich plane nicht. Ich bin kein Stratege, will mich selbst überraschen lassen, wie es kommt. Immerhin, das ist klar, wenn es möglich ist, dann will ich den dritten Teil der Romantrilogie nach „Der Tote im Park“ und „Marlies“ schreiben. Und ich schreibe bereits. Das ist nochmals eine wichtige und wertvolle Arbeit für mich, auch eine neue Herausforderung, weil es den Abschluss der Trilogie darstellt, die mich nun über ein Jahrzehnt beschäftigt.

MM: Das ist also zunächst ihr letztes Buch?
SM: Wenn sie so wollen. Darüber hinaus habe ich keine Vorstellungen. Wenn das Buch bis 2006 da ist, gut ist, ein würdiger Abschluss ist, dann werde ich mir in aller Ruhe die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land ansehen, wenn ich kann, man mich lässt und wenn ich gesund genug bin, werde ich hören und sehen,werde sehen, was sich ergibt. Jetzt bin ich gespannt, wie „88 Rätsel zur Unendlichkeit“ angenommen wird, dieses edle Objekt einer möglichen Begierde.

MM: Sie denken, es wird gekauft?
SM: Es ist seinen Preis Wert. Ich liebe das Buch, weil es edel ist, wie gesagt. Ich liebe edle Dinge. Und ich weiß, dass die Menschen edle Dinge lieben. Es ist sind so wundervolle Grafiken, ein insgesamt gelungenes Buch in extravaganter Aufmachung, dass ich mir kein besseres Weihnachtsgeschenk vorstellen könnte.

MM: Sie machen Werbung?
SM: Ich will, aber im Grunde habe ich kein Interesse daran. Ich schreibe, werde mich nun an den dritten Teil der Trilogie machen. Ich mache kaum Werbung für die Sternmut-Literatur. Ich bewerbe mich nicht für Preise, habe bald zwanzig Bücher geschrieben, begebe mich aber kaum damit in die Öffentlichkeit. Das ist so geblieben, ist weiterhin so.

MM: Ohne Bewerbung bekommen sie auch keinen Preis!
SM: Gut, das stimmt. Ich habe bisher nichts bekommen, sagen wir kaum etwas.

MM: Glauben sie, dass ihr Werk bisher nicht ausreichend gewürdigt wurde?
SM: Das glaube ich unbedingt. Ich weiß, dass es so ist. Ich weiß, dass es zu einem späteren Zeitpunkt, den ich womöglich nicht mehr erleben werde, dass es zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Würdigung kommen wird. So sind die Zusammenhänge. Ich habe kein gesteigertes Interesse an Öffentlichkeit. Deshalb verstehe ich auch, dass ich kein entsprechendes Echo erhalte, jedenfalls – noch nicht.


MM: Aber sie erhalten ein Echo!
SM: Ich würde gerne mehr Echo auf meinem Bankkonto spüren. Aber, wie gesagt, ich beklage mich nicht, will nicht jammern. Es ist gut. Ich habe meine Verlage, einige Menschen, die mich stützen, die mich fördern, habe meine Lyrik, die mir selbst gefällt. „Triebwerk“ zum Beispiel, ich freue mich auf „Triebwerk“, kann stolz auf die 88 Rätsel sein, wie auf alle anderen Bücher.

MM: Sie sind kein unglücklicher Mensch?
SM: Ich werde mit dem zufrieden sein, was ich erreicht habe. Das macht mich gewissermaßen glücklich. Ich kann vor mir selbst bestehen weithin, manchmal mehr, manchmal weniger, denke, gut, wenn es nun zu Ende wäre, gut, es war soweit gut. Ich habe versucht mein sogenanntes „Bestes“ zu geben. Manches gelang, manches gelang nicht. Insgesamt würde ich mich selbst nicht völlig verdammen wollen.

MM: Vielen Dank für das Gespräch.