Norbert Sternmut: "Schattensprung". Lyrik.
Geest Verlag, 144 S., 14 Euro
Atemlos wie die Zeit: neue Gedichte von Norbert Sternmut
Rezension von Widmar Puhl
Dieses Buch ist keine einfache Lektüre. Der Ludwigsburger Autor und Maler hat seine neuen Gedichte nach "Abschied vom Feuer" (2023) wieder im Geest Verlag für engagierte Literatur veröffentlicht - ein Indiz dafür.
Generalthema ist diesmal das Springen über den eigenen Schatten; doch es ist unmöglich, über den eigenen Schatten zu springen, ebenso unmöglich wie vor sich selbst davonzulaufen. Nun haben auch anspruchsvolle Dichter nicht das Ziel, sich und die Leser permanent zu überfordern. Vielmehr geht es wohl um die Haltung, es trotz aller objektiven Unmöglichkeit zu versuchen, nicht aufzugeben. Denn wer nicht nach den Sternen greift, wird es bekanntlich auch nie über den Gartenzaun schaffen. Der titelgebende Text "Schattensprung (1)", der wie etliche andere in mehreren durchnummerierten Versionen angeboten wird, heißt es schon konkret:
"Spring über Ketten,
vermauerte Wände, blinde
Wanderstäbe, Pilgerfahrten,
aus der Enge der Hütten,
der Minen auf den Feldern,
dem Sperrgebiet."
"Bewachte Wachtürme" sind ebenfalls dabei, aufmüpfig nimmt der "angeleinte Gesetze" ins Visier (in Moskau gäbe es dafür schon Arbeitslager), selbstkritisch spart der Wortarbeiter aber "brandbefleckte Redewendungen" nicht aus. Atemlos wie die Zeit, in der wir leben, geht es weiter: keine einfache Sprache mit geradlinigen Sätzen (Subjekt, Prädikat, Objekt, Punkt), sondern ein Stakkato aus Neben- und Teilsätzen im Perfekt, das zur beherrschenden Form wird. Bis zu 20 Mal pro Seite, das kann schon mal ermüdend werden. Aber das macht die Form eben auch schon zum schwierigen Inhalt in schwierigen Zeiten: Der Klimawandel mit Unwettern zeigt sich durch "abbrennende Waldgürtel, / versickernde Oasen", verdampfende, überfüllte Städte. Er hat es mit Schatten: Schattenplätze fehlen auch in deutschen Städten, das Generalthema wird in allen Schattierungen durchdekliniert, übrigens nicht zum ersten Mal: Sternmuts erster Gedichtband hieß 1989 bereits "Sprachschatten", und 2012 folgte der Band "Schattenpalaver". In "Textwuchs(1-4)" heißt es:
über öligen Flüssen steigt
die ausgezehrte Dürre
in abgebeizte Hitzetage,
Wortstaub zur Wüste,
verschleißt zur wertlosen Bühne
für überhitzte Endzeitstücke…
"Braungebrannt" titelt Sternmut über die hirnverbrannte Renaissance der braunen Pest mit ihren Hetzparolen, Stiefelschritten und Aufmärschen Hakenkreuzfahnen und den wiederbelebten "Massenaufläufen eines verirrten Volkes", dreht eine bekannte Redewendung um: "Den Karren in den Dreck gezogen".
Das Internet hat uns "die Finger leergetippt", da ist "jeder allein vernetzt", "mit leerem Blick funklöchrig" und "abhängig im Strom verfangen, / suchtgesteuert voller Zuversicht / die Tasten gedrückt, fremd / gesteuert, / weltumfassend allein / mit eingenetzten Zeitgenossen". Einzel- und Detailanalysen ergäben eine Doktorarbeit. Ohne Netz und doppelten Boden landet der Leser im Funkloch, irgendwo im Nirgendwo, unerreichbar und abgehängt oder in der unterbelichteten "Schlammschlacht um Einschaltquoten". Die Wirtschaft, Wachstum, Gier und die verheizten, ruinierten Lebensgrundlagen: "das ganze Programm". In zwei Teilen (Nahaufnahme, Lichteinfall) sind die Gedichte nach dem bildnerischen Prinzip geordnet, das für Fotografie und Malerei eine große Rolle spielt. Da ist es praktisch, wenn man sein eigenes Cover illustrieren kann, schade nur, dass kein Bildnachweis darauf hinweist. Auch das aber ist Inhalt und Zeitkritik und meint unser Verhalten zur allgegenwärtigen Bilder- und Medienwelt:
Flut
Über Ufer brechen Brücken,
wie entfesselt schwimmen Häuser
in der Flut davon, an Pfeilern
halten sich Opfer, unhaltbar
steigt der Pegel... reißt die Flut
das Leben aus der Verankerung.
Keine poetischen Metaphern mehr. Es sind die puren Bilder wie die aus dem Ahrtal, die der Autor so wenig aus dem Kopf bekommt wie wir Leser. Seine Position aber bezieht Sternmut deutlich, vor allem in Texten wie "Einer dieser Tage": Wir alle sind Junkies allgegenwärtigen Medienkonsums mit Smartphone, Tablet und Laptop vom Kinderzimmer bis zum Begräbnis
Mit stündlichen Nahrichten
aus Schützengräben, hingerichtet
auf Sendung die ersten Toten
des Tages noch vor Sonnenaufgang,
die neuesten Erschütterungen,
Amokläufe, Hungersnöte, aufbereitet
mit farbigen Bildern aus der Steppe,
sachkundig erläutert, gekonnt ins Bild
gesetzt, bombensicher in Blut
gegossen, aus einiger Ferne
mit Sprache versetzt, der Täter
in Großaufnahme schießt
...
folgt der Hinweis auf die ausführliche
Sondersendung im Anschluss
noch vor Sonnenuntergang
Kunst als Therapie fällt mir da ein. Maltherapie, Schreibtherapie, Konfrontationstherapie, Einzel- und Gruppentherapie. Norbert Sternmuts oft großformatige Bilder wirken teilweise wie mit dem Besen gemalt, dynamisch und intensiv wie seine Texte. Der Mann arbeitet wie ein Berserker: 34 Bücher hat er veröffentlicht, dazu Beiträge für mehr als 80 Sammelbände. Er schreibt Romane, Theaterstücke, Gedichte, Rezensionen, moderiert und organisiert Lesungen, Vorträge und Arbeitskreise, ist als Sozialarbeiter aktiv.
Norbert Sternmut ist ein echtes Multitalent, nicht bloß eine Mehrfachbegabung. Geboren 1958 als Norbert Schmid in Stuttgart, wird er im Erstberuf gelernter Werkzeugmacher, dann Altenpfleger und schließlich Diplom-Sozialpädagoge in Ludwigsburg. Ich habe ihn kennen gelernt in der Villa BarRock, einem soziokulturellen Zentrum in einer etwas heruntergekommenen klassizistischen Fabrikantenvilla hinter dem Bahnhof, bei Veranstaltungen seiner Reihe "Sternmut Literatur Bunt" (SMLB). Seit 2012 gehört er zur Redaktion der Literaturzeitschrift BAWÜLON im Pop Verlag und zusammen mit dem Verleger Traian Pop war er eine tragende Säule der Ludwigsburger Literaturwochen, bis der Stadt das Geld dafür ausging. Seit 1996 bestreitet er Ausstellungen. Kurz: Norbert Sternmut ist eine Institution im Kulturleben der Stadt.
Als Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) und des P.E.N.-Clubs, der Künstlergilde Esslingen und der Deutschen Schillergesellschaft (DSG) ist Sternmut natürlich auch bestens vernetzt.
Dennoch wäre Sternmut nicht Sternmut, gäbe es da nicht manche biografischen Fragezeichen. Wer ist neben einer Kindheitserinnerung an den betrunkenen Nachbarn, der an Silvester seine Kracher mit dem Feuerzeug ansteckte und Raketen am Stil aus Flaschen abschoss, der Schriftsetzer aus dem Gedicht "Umbruch"? Immerhin ist ihm einer der wenigen "normalen" Sätze dieses Buches gewidmet mit Subjekt - Prädikat - Objekt:
In der Erinnerung steht der Junge
unsicher in der Druckerei,
selbstvergessen beim Handsatz,
zur Probe für einen möglichen
Lebenslauf unter Brüdern...
Zu den schönsten Aspekten der Entgrenzung, des Über-den-Schatten-Springens gehört der Wind in dem Gedicht "Fahnenlos", der weht
unbegrenzt über jeden Zaun,
über jeden Stacheldraht bläst
der Sturm, braucht es keine Fahne,
steht der Himmel jedem offen,
über unbegrenzte Weiten, braucht
es keine Absperrung, Gitter,
keine Kriege, Grenzsteine, Fahnen
auf Halbmast, keinen Fahneneid,
keine Blutfahnen, braucht es
grenzenlose Liebe auf freier Strecke
Das Thema "Liebe" ist verbal schwierig und kann auch mal schief gehen (Was ist "zur Welt gestapelt"?). Doch es kommt nicht nur als Antithese vor, und wo es glückt, ist es großartig bewältigt wie in "Leuchtmittel" oder "Abgefahren", auch wenn der Titel erst einmal banal wirkt:
Mit jedem Atemzug fahre ich ab
auf dich brenne durch, schweife
umher in meinem Kopfsalat falle
durch die Maschen des Gefühls...
Da erwartet die Leser ein wunderbares Alltags-Mischmasch des menschlichen Miteinanders statt Gegeneinanders. Ein wichtiges, extrem dichtes Buch. Ich kann diese Lektüre nur wärmstens empfehlen.
Rezension zu Schattensprung
Heidelinde Penndorf - 11.02.2026
bei https://geest-verlag.de/news/rezension-zu-norbert-sternmut-zu-schattensprung
Norbert Sternmut ist ein lyrischer Perfektionist. Seine Gedichte fordern dazu auf, tiefer in seine Denkmaterie vorzudringen. So auch sein neuestes Werk Schattensprung – 144 Seiten philosophischer Reflexion, durchzogen von gesellschaftlicher Kritik in nuancierten Versen. Es ist kein Buch, das man beiläufig liest, sondern eines, das fordert – und einlädt, über den eigenen Schatten zu springen.
In den Abschnitten „Nahaufnahme“ und „Lichteinfall“ entfaltet Sternmut eine fotografisch geschärfte Perspektive, die Abbild und Wahrnehmung kunstvoll verschränkt. Er überschreitet gesellschaftliche Grenzen und tradierte Denkmuster, kritisiert kriegerische und gewaltförmige Konfliktmodelle und entwirft stattdessen die Vision einer „Solidarität der Kreaturen“ – einer empathischen Verbundenheit von Mensch, Tier und Natur. So entsteht ein Plädoyer, das die Beckettsche Existenznot und apokalyptische Vorstellungen mit der Idee natürlicher Harmonie kontrastiert.
Zyklische Langgedichte wie „Textwuchs“ verweben Metaphern und aktuelle Bezüge zu einem dichten, assoziativen Gewebe. Alltägliche Erfahrungen verwandeln sich in poetische Bilder, die zu neuer Deutung anregen. Der Titel steht symbolisch für jenen mutigen Sprung über die eigene innere Schranke – ein Aufbruch, Gewohnheiten zu durchbrechen und ethisch neu zu denken.
Fotomotive wie „Camera Obscura“ knüpfen an frühere Werke an und laden zur Meditation über Realität und Abbild ein. Innere Reflexion und äußere Wirklichkeit halten sich hier die Waage: die Schattenseiten des modernen Lebens ebenso wie die Sehnsucht nach Verbundenheit, Sinn und Nähe. In diesen Gedichten spürt man Sternmuts sozialpädagogischen Hintergrund – klar positioniert und zugleich lyrisch verfeinert durch präzise, bildhafte Sprache.
Mit über dreißig Publikationen seit 1980 beweist der Autor seine Fähigkeit, klare Argumentation und dichte Poetizität zu verbinden. Segmentierungen innerhalb längerer Texte erleichtern den Zugang, ohne die Tiefe zu mindern. So entsteht reflektierte Lyrik, die Intellekt und Gefühl, Bildkraft und emotionale Resonanz eindrucksvoll vereint.
Schattensprung ist ein analytisch scharfes, stilistisch elegantes Werk von meditativer Empathie – in polarisierten Zeiten ein inspirierender Aufruf zu ethischem Mut. Es lädt dazu ein, über den eigenen Schatten hinauszuwachsen und im poetischen Denken neue Räume des Mitgefühls zu öffnen.
Rezension zu „Schattensprung“ von Norbert Sternmut, erschienen im Geest Verlag -
Gerd Egelhof, Autor, Waiblingen auf https://geest-verlag.de/news/rezension-zu-%E2%80%9Eschattensprung%E2%80%9C-von-norbert-sternmut-verfasst-von-gerd-egelhof-0 2025-12-19
Der Ludwigsburger Schriftsteller Norbert Sternmut legt mit „Schattensprung“ einen weiteren Gedichtband vor. Das Buch beginnt gleich mit einem sehr gelungenen Gedicht „Sprungturm“.
„Am Beckenrand sitzen Gedanken sonnengeflutet über den verkalkten Kacheln im alten Freibad“. Das ist ein stimmiges Bild. Auch „Am Fenster“ bietet dem Leser mit „öffnen sich schlagartig schwere Wolkensäcke, trommelt das Wasser auf heißes Pflaster“ tolle Textzeilen.
Sternmut erweist sich auch als Meister genauester Beobachtungen. Wie etwa in „Schlinggewächse“. Da heißt es „Goldtrompeten verwickelt ins Freie“.
Mit den Gedichten „Brandstifter“ und „Braungebrannt“ zeigt Sternmut Haltung. Es sind Gedichte gegen rechts, und damit beweist er, dass sich ein Schriftsteller auch mutig etwas trauen darf, mehr noch, sollte, gar muss.
Mit „Textwuchs 1-4“ zeigt der Dichter über zehn Seiten seine ganze Klasse. Es gelingen Zeilen wie „das innere Kind im Wortschutt aufgehäuft“.
In „Feuermal“ gibt es „hängt die Geschichte an der Leine wie steifgefrorene Wäsche“ zu bewundern. Das Gedicht „Schattenplätze“ wartet mit „hängt der Wind still in den Fahnen“ auf. „Einer dieser Tage“ handelt vom Grauen, das wir täglich, ja stündlich, über die Nachrichten mitbekommen. In den weiteren „Textwuchs-Gedichten“ setzt sich die Klasse des Dichters Norbert Sternmut fort. In „Textwuchs 9-12“ heißt es z.B. „lügen Kondensstreifen das Blaue vom Himmel“ oder „legt einen Strebergarten an.“
Im Gedicht „Wachstum“ gelingt Sternmut eine besonders schöne Zeile. „Wächst die zarte Pflanze der Zärtlichkeit“. Auch der lyrische Text „Auf Grund“ bietet mit „tief verwurzelt auf Grund sinkt die Nacht in den Sand“ ein stimmiges Bild. Weiter geht es mit „Totengesang“ und „brennt die Not ihre Fackel ab“.
Mit „Suizid“ wird auch ein gesellschaftliches Tabuthema behandelt. Es beinhaltet ebenso schmerzhafte wie wahre Worte wie „wo kein weiterer Weg blieb, kein Ausweg aus der Sackgasse“.
„Gleichzeit“ vergleicht Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen mit den anderen. „Schattenwurf“ bietet eine wichtige Erkenntnis. „Wo Schatten ist, ist auch Licht“. „Braucht es grenzenlose Liebe auf freier Strecke“ heißt es im Gedicht „Fahnenlos“. “Zungenspiel“ und „Abgefahren“ sind zwei Liebesgedichte, wenn man so will. Mit Textzeilen wie „züngelten mit hungrigen Mündern, lichterloh durch die Nacht“ und „mit jedem Atemzug fahre ich ab auf dich“.
In „Feuerwerker“ heißt es stimmig „fielen helle Farbfeuer vom Himmel. Das Gedicht „Unter Druck“ beschreibt eindringlich, was man alles überstehen kann, um erneut vom Boden aufzustehen. Ein Text, der Mut macht, wie ich finde.
Noch zwei weitere Beispiele, wie Norbert Sternmut mit gelungenen, stimmigen Bildern arbeitet, sind die Gedichte „Wanderlust“ und „Auszeit 8-12“. Da heißt es „mit einigem Mut im Gepäck“ und „widerrechtlich geparkte Ansichten“.
Auffällig ist, dass Sternmuts Gedichte oft denselben Rhythmus haben. Das muss man mögen. Und ich mag es sehr. Es ist so etwas wie ein lyrisches Markenzeichen, sein ganz eigener lyrischer Sound.
Abschließend betrachtet ist Norbert Sternmut mit „Schattensprung“ ein großartiger, herausragender Gedichtband gelungen, dem ich viele Leser wünsche. Ein Meisterwerk für alle Menschen, die gerne Gedichte lesen.